Gottfried Helnwein, "Midnight Mickey", 2001, oil and acrylic on canvas, 200cm x 300cm

 

 

III. Stars - Die Heiligen der Industriekultur

Malerei muß sein wie Rockmusik

MÄCKLER: Hat Sie im Laufe Ihres Lebens jemals eine andere Musik interessiert außer Popmusik?

HELNWEIN: Klassische Musik interessierte mich später.

MÄCKLER: Meinen Sie daher, daß die Faszinationsfähigkeit von Popmusik primär mit dem Alter des Hörers zusammenhängt?

HELNWEiN: Das war damals so in den fünfziger Jahren. Da entstand in Amerika das erste Mal eine eigene Jugendkultur, was es vorher noch nie gegeben hat; das vergißt man ganz. Vorher waren Jugendliche immer kleine Erwachsene. Sie hatten keine eigene Identität, keine eigene Mode, keine eigenen Kunstformen. Sie sahen im Prinzip immer wie verkleinerte Fünfzigjährige aus, und erst in den fünfziger Jahren entstand eine Kultur der Jugend mit eigener Musik und eigener Sprache. Bei dieser Generation war es eine Altersfrage, aber insgesamt stimmt es heute natürlich nicht mehr, denn die Jugendlichen von damals sind heute die Eltern und Großeltern.

MÄCKLER: Können Sie sich also trotzdem vorstellen, daß man mit zunehmendem Alter wie aus den Windeln auch aus der Popmusik herauswächst?

HELNWEIN: Das ist zu allgemein gefragt, das kann man schwer beantworten, weil Popmusik und Popmusik nicht das gleiche ist. Unter diesem Begriff gibt es geniale Musik und reine Scheiße.

MÄCKLER: Was halten Sie für hochwertig?

HELNWEIN: Also Prince finde ich zum Beispiel sehr gut, Sting, John Cale, Miles Davis, die Rolling Stones muß ich ja nicht erwähnen. Es gibt viele Beispiele von hervorragender Musik: Bob Dylan finde ich nach wie vor gut.-


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 154)



MÄCKLER: Diese Musik, übertragen nun auf Ihre Malerei: Haben Sie sich jemals mit dem Verhältnis von Farbe und Ton beschäftigt, beispielsweise wie Kandinsky es tat, dessen Kunsttheorie Sie ja sehr schätzen und der Analogien zwischen Farbe und Musik empfunden hat? (Vgl. den Katalog Vom Klang der Bilder. Die Musik in der Kunst des 20. Jahrhunderts, Hrsg. Karin von Maur, München 1985.)

HELNWEIN: Das ist ein Thema, das hat mich weniger interessiert. Mag sein, daß man bestimmte Töne bestimmten Farben zuordnen kann, aber: so what? - Was mich interessiert, ist immer die Frage: Bewegt die Kunst bei den Menschen etwas - -löst sie etwas aus? Die Farben, ebenso die Töne, sind einfach Grundsubstanzen, die man verwendet, um irgendetwas damit anzustellen.

MÄCKLER: Worin würden Sie dann die Verbindung von Ihrer Malerei zur Rockmusik sehen?

HELNWEIN: Rockmusik ist der Ausdruck einer Zeit - der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts -, eine der stärksten Kunstformen, die es je gab: stark, primitiv, direkt, sie hat eine ungeheure Kraft, die Kraft des Trivialen. Das finde ich an dieser Musik gut: Ihr kann sich niemand entziehen. Ein einfacher Song, ein Rhythmus kann Millionen in Ekstase bringen. Ich habe den Eindruck, es gab in der abendländischen Kunst eine Entwicklung, die in der sogenannten klassischen Musik, gegen Ende des 19. Jahrhunderts, den Höhepunkt überschritten hatte und dann einfach ausklang. Es gab noch Gustav Mahler und Richard Strauss und dies und das, aber diese Musik als Signum der Zeit klang aus. Und die Zwölftonmusik als Weiterentwicklung, so interessant sie sein mag, ist doch ein Nebenarm, nicht die Musik der Menschen dieses Jahrhunderts.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 155)



MÄCKLER: Sie nannten Rockmusik trivial und unterscheiden dies Adjektiv von banal - inwiefern?

HELNWEIN: Ja, das Wort Trivialität war für mich immer positiv besetzt. Für die meisten Leute hat es eine negative Wertigkeit, weil sie Trivialität mit Banalität verwechseln. Aber für mich liegt zwischen banal und trivial ein großer Unterschied. Trivialität, "trivialis" heißt im Lateinischen "jedem zugänglich", das heißt: ohne Umwege, ohne Vorbildung, ohne irgendwelche Bedingungen zu konsumieren, zu gebrauchen - direkt und spontan. Banal heißt dagegen "nichtssagend, abgedroschen".

MÄCKLER: Eines Ihrer hervorstechendsten Zitate oder die Formel, die Sie seit Beginn der achtziger Jahre vielfach gebraucht haben bzw. die in der Presse viel zitiert wurde, lautet: "Malerei muß sein wie Rockmusik". Wie ist das zu verstehen? Sie haben schon angedeutet, daß es sich dabei nicht um eine Ton-Farbe-Analogie handeln kann, wie sie Kandinsky und anderen Heroen der Jahrhundertwende vorschwebte, sondern daß es sich mehr um eine Geistes- bzw. Lebenshaltung handelt...

HELNWEIN: Ja, so wie ich zuerst schon erklärt habe: Für mich ist das eine Kunstform, die noch die ganze Kraft einer neu entstehenden Kultur in sich hat. Unverbraucht...

MÄCKLER: Welche Malerei würden Sie dann heute als ähnlich oder vergleichbar mit Rockmusik ansehen? Gibt es überhaupt Beispiele - außer Ihren eigenen Werken?

HELNWEIN: Comic-Kunst - Barks, Möbius, Keith Haring, Windsor Mac Cay, Sigl und Schuster. Die Zeichentrickfilme von Disney, Popeye the Sailor und viele andere, leben von der Reduzierung und von einem Rhythmus der Bilder, dem sich niemand entziehen kann. Das sind Kunstformen, die man mit Rock- oder Popmusik vergleichen kann.

MACKLER: Und...

HELNWEIN: . . . in der Hochkunst: die Bilder von Francis Bacon - das ist für mich Satisfaction, Brown Sugar oder Jumping Jack Flash von den Stones.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 156)



MÄCKLER: David Hockney auch?

HELNWEIN: Als Gegenstück zu den Bee Gees vielleicht.

MÄCKLER: . . . eine Verbindung von Pop Art und Popmusik?

HELNWEIN: Klar.

MÄCKLER: Aber die formalen Analogien, beispielsweise die Dynamik bei Action painting und Popmusik - wollen Sie die etwa leugnen?

HELNWEIN: Sowohl die Bildende Kunst als auch die Musik ist - in diesem Fall - sehr rhythmusbetont, sehr klar, manchmal brutal und hat eine unheimliche Kraft. Sie ist nicht zerstreut, nicht verspielt, nicht kompliziert, sondern einfach. Und das sehe ich eben auch bei der Bildenden Kunst: Andy Warhol, das stark vereinfachte Foto, die Umrandungen, grelle Farben, die hingeknallt sind. Dann hat das auch viel mit Geschwindigkeit zu tun: eine schnelle Kunst, die mit sehr starken Kontrasten arbeitet und sehr einfach ist, primitiv. Außerdem greift sie als Thema den Alltag, die Umwelt, das Leben auf - so wie die Rockmusik. Sie beschäftigt sich mit alltäglichen, trivialen Dingen - mit der Suppendose, der Coca-Cola-Flasche, so wie die Rockmusik sich nicht mit Walküren und sonstigen abgehobenen Dingen beschäftigt, sondern mit der "Route 66" oder Liebeskummer oder was weiß ich.

MÄCKLER: Die Transformation dieser Musik zum Industrieprodukt - ist das noch etwas, das Sie als positives Element auch mit der Malerei in Verbindung bringen würden? Bildende Kunst als Kaufhausware?

HELNWEIN: Bildende Kunst war bis zum van Gogh-Trauma des 19. Jahrhunderts immer ein Industrieprodukt - denken Sie an Rubens, an die Maler- und Bildhauerwerkstätten, wo die Riesenschinken für Caesaren, Fürsten und Päpste auf dem Fließband produziert wurden, oder an Ägypten, wo ein Heer von anonymen Sklavenkünstlern nach genau vorgegebenen Mustern und Formen die Wände von Palästen und Gräbern vollmalen mußte. - Andy Warhol hat mit seiner Factory-Idee diese alte Tradition wieder aufgegriffen und fortgesetzt.


(Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Maeckler,Verlag C.H.Beck, Seite 157)



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I. DIE BIOGRAPHIE ALS GESAMTKUNSTWERK
Die Kindheit, der Katholizismus und Donald Duck
Die Schule bei den frommen Ordensbrüdern
Die Höhere Graphische Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt
Die Akademie, Rudolf Hausner und die Revolution
Abschied von der Alma mater - Die frühen Jahre danach
Kunst für alle - Der internationale Durchbruch
Plakate und viel Theater - Skandale vor den heiligen Hallen
Dem Olymp der Hochkunst entgegen - Die zweite Hälfte der achtziger Jahre
Vom Bühnenbild zur Inszenierung

 

II. SELBSTPORTRÄT UND MENSCHENBILD
Der Stellvertreter als Revolutionär
Das Porträt als Rollenspiel

 

III. STARS - DIE HEILIGEN DER INDUSTRIEKULTUR
Malerei muß sein wie Rockmusik
Die Idole des 20. Jahrhunderts

 

IV. MASSE UND MUSEUM - ÜBER KUNST
Theorie, Kritik und Malerei
Die unendliche Reproduktion als künstlerische Herausforderung
Es gibt keine Tabus mehr - Im Kontext der Postmoderne

 


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Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Mäckler
Verlag C. H. Beck München 1992
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