Peter Nedoma spricht mit Gottfried Helnwein
Peter Nedoma, Direktor der Galerie Rudolfinum,
Prag
Dieses Gespräch fand im April 2008, anlässlich der Ausstellungsvorbereitung für die Retrospektive "Angels Sleeping - The Work of Gottfried Helnwein", in der Galerie Rudolfinum statt.
Was sind die Schlüsselthemen Ihres Schaffens? Wie unterscheidet sich die Gegenwart von der Vergangenheit?
Helnwein: Zu malen begonnen habe ich wie ein autistisches Kind, ich hatte damals
noch keinen Kontakt zu den sogenannten Hohen Künsten. Meine Ästhetik war
geprägt von schlechten Heiligenbildern aus dem 19ten Jahrhundert, Entenhausen,
Jimi Hendrix, Captain Beefheart und den Rolling Stones.
Ich wollte ursprünglich gar kein Maler werden, aber irgendwann habe ich eingesehen,
dass Kunst wahrscheinlich die einzige Möglichkeit ist, sich gegen die Zumutungen
der Gesellschaft zu wehren und zurückzuschlagen. Kunst war für mich immer in
erster Linie eine Waffe. Das Thema meiner Kunst war immer ident mit dem Thema
meines Lebens: dem hoffnungslosen Versuch das absurdeste Phänomen des Universums
zu verstehen - den Menschen.
Wie hat sich Ihr Schaffen – Ihrer Meinung nach – entwickelt? Versuchen Sie,
die wichtigsten Entwicklungsmomente, wichtigsten Perioden, Zyklen und Bilder
zu nennen. Warum ist das Kind, die Gewalt an Kindern eines der zentralen Themen
Ihres Schaffens geworden?
Helnwein: Vielleicht ist es ein Defekt, aber von frühester Kindheit an sah
ich immer Gewalt um mich herum und die Wirkung von Gewalt: Angst. Ich habe
jedes Sück Information, das ich über den Holocaust, Vietnam, Chile, die Heilige
Inquisition und all die Hexenjagden kriegen konnte, in mich aufgesogen.
Die durch die gesamte Menschheitsgeschichte vorhandene Lust daran, anderen,
vor allem Wehrlosen, ein Maximum an Schmerz zuzufügen, war für mich immer ein
Rätsel. Erstaunlich auch, welche Kreativität Menschen dabei entwickeln. Aber
es war vor allem die Gewalt gegen Kinder, die mich nicht mehr losgelassen hat.
Wie kann jemand Kindern etwas anderes entgegenbringen als Liebe und Bewunderung?
Ich habe gerichtsmedizinische Fotos von Kindern gesehen, die von ihren eigenen
Eltern zu Tode gefoltert wurden, was kein Anblick ist, der Sie gut schlafen
lässt. In Deutschland und Österreich müssen jährlich tausende Kinder durch
ein derartiges Martyrium, bevor sie in den Himmel dürfen.
Und das war der Grund warum ich zu malen begonnen habe, Ästhetik war nicht
meine erste Motivation.
Wie hängt Ihre Performance aus den 70. Jahren mit Ihrer Stellung zu der damaligen
österreichischen Gesellschaft zusammen? Und wie hängt sie mit den Aktivitäten
der sogenannten Wiener Aktionisten zusammen? Was hat Sie an der damaligen Wiener
Gesellschaft am meisten gestört?
Helnwein: Ich glaube, jede Gesellschaft hat die Kunst die sie verdient. Kein
Künstler ist völlig autark, zu einem gewissen Grad wird jeder Künstler auf
die Gesellschaft und die Phänomene seiner Zeit auf die eine oder andere Weise
reagieren.
Ich habe ursprünglich nichts von der Existenz der Wiener Aktionisten gewusst.
Aufmerksam wurde ich auf diese Gruppe das erste mal ende der 60er Jahre, als
sie mit Ihrer sogenannten "Uni-Ferkelei" die Boulevardpresse in Exstase
verstzte. Aber was da bei dieser Aktion eigentlich geschehen ist, wusste niemand,
da die Presse damals derartige Schweinereien noch nicht beim Namen nennen,
und nur unbeholfen umschreiben konnten.
Ich denke diese Art der ästhetischen Reaktion lag damals in Wien einfach in
der Luft, denn diese Stadt war zu dieser Zeit ein wahrhaft dunkler Ort.
Nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, was alles geschehn war in den 30 vorangegangenen
Jahren:
Zusammenbruch der Monarchie, in der sich die Wiener als Zentrum der Welt verstanden,
mit einem Kaiser als Symbol Ihrer Wichtigkeit, Pracht und Superiorität. Absturz
in ein kümmerliches Zwergendasein, Austrofaschismus, Bügerkrieg, Nazi-Wahnsinn,
Auslöschung des Begriffes "Österreich", und die Reinigung Europas
von Juden und anderen "Untermenschen", die jedoch für die einzigartige
Kunst und Kultur Österreichs immer so wesentlich und unverzichtbar waren. Bombardierung,
Kriegsgefangenschaft, bedingungslose Kapitulation nach dem nun schon zweiten
verlorenen Weltkrieg, und schliesslich die von den Siegern verordnete Demokratie.
Wien war damals wie eine stehendes, fauliges Gewässer, Es gab keinen Sauerstoff,
nichts bewegte sich, keiner wagte aufzumucken und die ehemaligen Nazis moderten
und fermentierten vor sich hin.
Zwischen unserer Generation und der unserer Eltern gab es einen totalen Bruch.
Die meisten von uns wollten nichts mit ihnen, ihren Werten, ihren Vorstellungen
und ihrer Tradition zu tun haben. Es war ein bisschen wie wenn man sich plötzlich
im Luftleeren Raum befindet, - wir hatten die Erdung, den Boden unter den Füssen
verloren und mussten uns neu orientieren. Es war eine Phase in der der westlichen
Kultur, in der ästhetische Anarchie die einzig sinnvolle Äusserung zu sein
schien. Vielleicht war es so etwas wie der Versuch eines Befreiungsschlages.
Überall begannen junge Künstler mit aktionistischen Darstellungsformen, die
im Angelsächsischen Raum "Happenings" und in Wien "Aktionen" genannt
wurden, anknüpfend an die Tradition der Dadaisten, die diese Kunstform schon
1916, mitten im Ersten Weltkrieg begonnen hatten.
Ohne zu wissen, dass andere Künstler ähnliche Formen der Selbstdarstellung
entwickelten, habe ich ca 66/67 mit Selbtverwundungs- und Bandagierungsaktionen
begonnen. Anfangs für mich selbst und im kleinen Kreise, so wie die anderen
auch. Bald danach habe ich auch Kinder miteinbezogen und meine Performances
auch auf der Strasse und anderen öffentlichen Plätze verlagert.
Wer war Ihr Hauptlehrer an der Akademie? Wer oder was hat Sie außerhalb der
Akademie am meisten beeinflusst?
Helnwein: Die Akademien zu dieser Zeit waren fest in den Händen von Abstrakten
und Tachisten, Kunstformen, die mich überhaupt nicht interessierten.
Zum Glück kam damals Rudolf Hausner, ein Neo-Surrealist mit einer sehr realistischen
Malweise, als Professor an die Wiener Kunstakademie und nahm mich in seine
Meisterklasse auf. Das noch grössere Glück war, dass er kaum anwesend war und
die Studenten weitgehend sich selbst überliess.
Jeder konnte also seine eigene Thematik und Malweise entwickeln. Für mich war
es ein kurzer paradiesischer Zustand - ich hatte ein kostenloses Atelier und
niemand kümmerte sich um mich, - das ist alles was ich brauchte. Die akademische
Welt hatte kaum einen Einfluss auf meine Arbeit, meine Inspirationen bezog
ich, ähnlich wie die Pop-Art Künstler, aus dem Alltag, den Massenmedien oder
trivialen Kunstformen, wie Comics, Rock 'n' Roll und Werbung.
Warum sind Sie aus Österreich „emigriert“? Was ist dem vorhergegangen? Wo haben
sie dann gelebt und gearbeitet?
Helnwein: Ich wollte weg von Österreich solange ich denken konnte, aber wenn
ich Österreich sage, meine ich Wien, denn das ist das einzige was ich davon
kannte.
Ich bin mit meiner Familie nach Deutschland gezogen in die Nähe von Köln wo
ich ein altes Schloss erwarb, welches ich dann in den folgenden Jahren, neben
meiner Arbeit, nach und nach restaurierte. Es war ein völliger Neubeginn für
mich - ich änderte meine Arbeitsweise radikal und begann an grossformatigen,
oft mehrteiligen Bildern zu arbeiten und ich experimentierte mit verschiedenen
Formen fotografischer Inszenierung, wobei ich das erste mal Farbfotografie
benutzte. Als Modelle verwendete ich in erster Linie mich selbst und meine
Kinder, nicht in autobiografischem Sinne, sondern eher in einer Art Stellvertreterfunktion.
Es ging mir einfach um die Darstellung eines Menschen. Ich selbst war ja immer
verfügbar und meine Kinder auch, und gottseidank waren dieselben sehr kooperativ
und geduldig, wofür ich ihnen ewig dankbar bin. Ich nehme an es hat ihnen Spass
gemacht, denn mittlerweile sind sie erwachsen, und sie sind alle Künstler geworden.
Welche Beziehung haben Sie zu Autoren wie Thomas Bernhardt u.a.?
Helnwein: Ich weiss nicht warum, aber ich habe zu Literaten immer ein engeres
Verhältnis als zu anderen Malern gehabt.
Schon als Schüler habe ich H.C Artmann verehrt, dessen Dialekt-Dichtung "Med
ana Schwoazzn Dintn" in Österreich einschlug wie eine Bombe. Das war der
Blues der Wiener Unterschicht, die mir so vertraut war. Oder Wolfgang Bauer,
mit seinem Theaterstück "Magic Afternoon", welches 1968 im Jahr der
Studentenrevolten in Hannover uraufgeführt wurde, und das damalige Kulturestablishment
ordentlich durchbeutelte.
1980/81 traf ich H.C. Artmann und etwas später Wolfgang Bauer, und wir wurden
Freunde. Mit Thomas Bernhard verbrachte ich einen denkwürdigen Tag auf seinem
Vierkanthof in Oberösterreich. Er hatte die österreichische Öffentlichkeit
mit seinen literarischen Rundumschlägen, Hassorgien und Schimpftiraden gegen
alles was dem Bürgertum heilg war, zum kochen gebracht. Er attackierte die "stumpfsinnige
Masse" aber auch die sog. "bessere Gesellschaft", Würdenträger,
Künstler, das wiener Burgtheater, und den Staat selbst, den er gerne als "katholisch-nationalsozialistisch“
bezeichnete.
Für Österreich spricht, dass die grossen Tageszeitungen im Gegenzug auf ihren
Titelseiten in Balkenlettern ihrer Empörung Ausdruck verliehen. Wo sonst in
der Welt wird ein Dichter für so wichtig erachtet, dass man ihm Schlagzeilen
widmen würde.
Ganz nah ist mir das Werk von Elfriede Jelinek. Mein wiener Galerist hatte
mich in den 80er Jahren auf ihren Roman "Die Klavierspielerin" aufmerksam
gemacht, von dem er meinte, er wäre das literarische Gegenstück zu meinen Bildern.
Für den Katalog zu der Carl Barks Retrospektive ("Donald Duck - die Ente
ist Mensch geworden, das zeichnerische und poetische Werk von Carl Barks"),
die ich letztes Jahr in Österreich organisierte, stellte sie mir ein anrührendes
Stück Prosa zur Verfügung, das sich mit dem schwierigen Verhältnis zwischen
Donald und A- und B-Hörnchen auseinandersetzt.
Den ostdeutschen Dramatiker Heiner Müller traf ich während meiner Zeit in Deutschland,
und gemeinsam mit dem Choreografen Hans Kresnik begannen wir gemeinsam an einem
Theaterstück zu Antonin Artaud zu arbeiten. Die Arbeit blieb leider ein Fragment
und wurde nie beendet. In Amerika traf ich dann William Burroughs und Charles
Bukowski.
Bei Schriftstellern oder Musikern fand ich immer wieder jenen Geist der Rebellion,
der Auflehnung, der Subversion gegen die Konformität, eine kreative Widerspenstigkeit,
die ich bei den meisten Malern vermisste.
Beschreiben Sie doch bitte Ihre Arbeitsmethode und Ihre Suche und Verarbeitung
ihrer Quellen.
Helnwein: Mit jedem Arbeitsbeginn betrete ich Neuland. Das einzige was ich
habe, ist eine Ahnung, einen Verdacht und dann taste ich mich langsam vorwärts.
Von Anfang an war die Fotografie ein wesentlicher Bestandteil meiner Arbeit,
wobei ich keinen Unterschied mache zwischen meinen eigenen Fotografien, Abbildungen
in den Massenmedien oder historischen Aufnahmen aus irgendwelchen Archiven.
In meinen narrativen Bildern bringe ich dann die dargestellten Personen aus
den verschiedensten Orten und Zeiten zusammen, um ihnen ihre Rolle zuzuweisen,
die sie in meinem 2-dimensionalen Drama spielen sollen. Aber eigentlich ist
es ja nur der einfrorene Augenblick in einer Geschichte, deren Anfang und Ende
der Betrachter für sich selbst herausfinden muss.
Früher habe ich die Bildkonzepte entwickelt, indem ich schwarz-weiss Fotografien
ausgeschnitten und zu Collagen zusammengefügt hatte, heute verwende ich meinen
Computer.
Wann haben Sie Ihre monochrome, fotorealistische Malerei begonnen? Wo liegt
der Ursprung dafür?
Helnwein: Mit den monochromen Bildern habe ich mitte der 80er Jahre begonnen,
als ich in meinem neuen Atelier in Deutschland meine Malweise komplett umstellte.
Ich wollte eine Vereinfachung, Reduzierung, mehr Klarheit und Nüchternheit
in meiner Malerei, vielleicht auch mehr Distanz zum Werk und zum Betrachter,
ohne auf Information, Präzision und Details verzichten zu müssen.
Es war ein Versuch, der immer noch andauert.
Welche Rolle hat in Ihrem Schaffen in der Vergangenheit die Zeichnung gespielt?
Helnwein: Gezeichnet habe ich von Kindheit an, mein erstes Bild habe ich ende
1969 gemalt, um auf die Akademie aufgenommen zu werden.
Aber meine ersten malerischen Versuche waren eigentlich immer noch sehr grafisch,
ich verwendete alle möglichen Materialien, Mal- Zeichen- und Sprühtechniken,
meistens auf Karton und vermischte alles auf sehr unorthodoxe Weise miteinander.
Aquarellfarben, Tuschen, Bleistifte und Farbstifte, die leider häufig minderwertiger
Qualität waren, und selten lichtecht.
Ich habe später parallel zu meiner malerischen und fotografischen Arbeit immer
wieder auch gezeichnet. Ich weiss nicht warum, aber das Zeichnen war für mich
ein selbstelbstständiger, vom Rest meiner Arbeit fast unabhängiger Bereich.
Die Bilder, die sich mir dabei auftaten, waren anders als die meiner Malerei
oder Fotografie, - intimer, halluzinatorischer, traumhafter, magischer.
Wie stehen Sie zum mechanischen Bilderkopieren, zu deren Verbreitung durch
die Medien? Ist für Sie die Aura des authentischen, originalen Werkes wichtig?
Helnwein: In den 70er Jahren war ich von den Möglichkeiten der Massenvervielfältigung
fasziniert, das Original betrachtete ich damals als eine Art Edelabfall.
Es war die Sehsucht nach einer Demokratisierung, einer Umorientierung von einer
esoterischen in eine für jeden verständliche Kunst. "- durch einen Rückgriff
auf die Ästhetik des Alltagslebens, des Trivialen und Banalen, mit Hilfe einer
'proletaroiden' Reproduktionstechnik und einer naturalistischen Darstellungsmethode,
die die kunstästhetischen Verklausulierungen der Wahrnehmung auf ein Minimum
herunterschraubt", wie es der wiener Kunsthistoriker Peter Gorsen formulierte.
Aber Jahre später hatte ich mein Damaskuserlebnis als ich Originale von Kandinsky
in der National Gallery in Washington und die Renaissance-Gemälde in den Uffizien
sah. Ich war so erschüttert und überwältigt von der Unmittelbarkeit nie zuvor
erlebter ästhetischen Intensität und der spirituellen Qualität dieser Werke,
dass ich zu zittern begann und jedesmal den Raum verlassen musste, da ich nicht
vor allen Leuten zu weinen beginnen wollte.
Ich weiss nun dass es die Magie, die Aura eines Kunstwerkes gibt, und ich habe
zu der Abendländischen Kunst (von der Gotik, über die Renaissance bis zur Moderne)
ein geradezu religiöses Verhältnis.
Ich bin immer noch der Meinung, dass die modernen Reproduktionstechniken neue
Bereiche und Möglichkeiten für die Kunst eröffnet haben, aber an der Bedeutung
des Originals und der Aura eines Kunstwerkes hat das nichts geändert.
Was steht für Sie in Ihrem Schaffen im Vordergrund: Thema, Auswirkung des Werkes,
formale Fragen, Präsentationsweise oder etwas Anderes?
Ich glaube dass alle Arbeiten eines Künstlers im Grunde immer nur um ein einziges
zentrales Anliegen oder Motiv kreisen. Und jedes Werk so etwas wie ein neuer,
mehr oder weniger erfolgreicher Versuch ist, sich diesem Grundthema zu nähern,
es sichtbar zu machen, zu fassen, zu formulieren, obwohl es im Prinzip immateriell,
und daher nicht fassbar ist, und keine Form hat.
Die Bedeutung der Methoden, Mittel, Wege und Tricks, die der Künstler dabei
einsetzt, werden von Theoretikern und Kunsthistorikern in der Regel überschätzt.
Die Prager Ausstellung umfasst die fünf wohl wichtigsten Themen Ihrer Arbeit:
Köpfe, Faschismus, das Kind, Amerika, und die Gesichter Marilyn Mansons. Was
bedeuten diese Themen für Sie?
Helnwein: Es geht in meinen Bildern immer um den Menschen - seine Verwundbarkeit,
seine Schmerzen, womit ich mit meiner Arbeit eigentlich fest in der Tradition
der abendländisch-christlichen Kunst stehe , die das Leiden des Menschen zum
zentralen Thema gemacht hat. Aber mich interessiert auch die Wechselbeziehung
zwischen Opfer- und Täterschaft, und die Fähigkeit des Menschen zur ständigen
Verwandlung, was ich vor allem in den verschiedenen Metamorphosen und Verformungen
der Köpfe und Gesichter zu formulieren versucht habe, für deren Darstellung
ich meistens meinen eigenen Kopf verwendet habe. Nur in dem multi-media Projekt "The
Golden Age" an dem ich mit Marilyn Manson gemeinsam gearbeitet habe, war
es sein Kopf .
Die Helden meiner Geschichten aber sind die Kinder, als Metapher für eine potentielle
Unschuld und eine im Innersten des Menschen vorhandenen Unverletzlichkeit und
Unbesiegbarkeit.
In der letzten Zeit arbeiten Sie viel für das Theater. Was machen Sie da? Haben
Sie das Gefühl, dass Ihnen das Theater Möglichkeiten gibt, die Sie in der Malerei
und Fotografie nicht haben?
Helnwein: Die bildende Kunst ist ein einsames Geschäft. Ich verbringe die
meiste Zeit alleine im Atelier und im Gegensatz zu Musikern oder darstellenden
Künstlern gibt es da kein Publikum und keine Interaktion mit irgendwelchen
Partnern oder Mitspielern. Als Kind erschien mir das höchste Ideal künstlerischer
Existenz, Mitglied der Rolling Stones zu sein. Rückwirkend betrachtet finde
ich dass ich da nicht ganz falsch gelegen bin, denn Rockmusiker scheinen im
Gegensatz zu uns Malern vor allem eines zu haben: more fun and more cash.
1988 hat mich mein Freund, der österreichische Choreograph Hans Kresnik dazu
überredet, Bühnenbild und Kostüme für seine Macbeth-Inszenierung in Heidelberg
zu entwerfen. Es war faszinierend für mich, zusätzlich zu Farbe und Form plötzlich
auch Dreidimensionalität, Bewegung, und Sound als Gestaltungselemente zur Verfügung
zu haben.
Im Moment arbeite ich an einer neuen Oper, die 2009/10 in der Israeli-Opera
in Tel Aviv uraufgeführt werden soll. Sie heisst: "The Child Dreams" nach
einem Theaterstück von Hanoch Lewin, dem bedeutendsten israelischen Dramatiker
des 20ten Jahrhunderts.
Die Entdeckung dieses Textes war ein Schock und eine Epiphanie für mich, denn
noch nie war die künstlerische Arbeit eines anderen so nah an meinen eigenen
innersten Bildern. Es ist als hätte er dieses Stück ausschliesslich all den
Kindern gewidmet, die bisher in meinem Werk aufgetaucht sind - und all jenen,
die noch kommen werden.
Petr Nedoma speaks with Gottfried Helnwein
April 2008, English translation