Gottfried Helnwein
Fotorealismus
Warum malt jemand fotorealistisch obwohl es die Fotografie gibt?
Fachbereichsarbeit aus Bildnerische Erziehung
Vorgelegt bei Herrn Professor Siegfried Stadlhuber
Susi Wiesenegger, Bundesgymnasium Salzburg- Nonntal Schuljahr 2008 / 2009
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Inhaltsverzeichnis
Erklärung 4
Vorwort 5
Einleitung 6
Abstract 9
1. Fotorealismus
1.1 Geschichte und Entwicklung 10
1.2 Fotorealistische Motive 13
1.3 Fotorealistische Technik 13
1.4 Fotorealistische Plastik 15
1.5 Vertreter des Fotorealismus 18
2. Gottfried Helnwein
2.1 Darf Kunst alles? 19
2.2 Biographie 22
2.2.1. Zwischen Himmel und Hölle 22
2.2.2. Enfant terrible 25
2.2.3. Die Wiener Haberer 26
2.2.4. Zwischen zwei Kontinenten 28
2.3 Werke
2.3.1. Selbstbildnisse 31 s
2.3.2. Zeichnungen und Aquarelle 33
2.3.3. Fotografien und Bühnenbilder 37
2.3.4. Öffentliche Kunst und Tryptichen 41
2.4 Schlafende Engel in Prag 44
2.5 Stil & Botschaft 45
3. Fotorealismus: Bloße Nachahmung oder doch künstlerische
Interpretation? 47
4. Zusammenfassung 52
Literaturverzeichnis 55
Abbildungsverzeichnis 57
Anhang
• Weitere Vertreter des Fotorealismus
• Werdegang von Gottfried Helnwein
• E-Mailverkehr mit Gottfried
Helnwein
3
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Erklärung
Ich erkläre hiermit, dass ich die vorliegende Arbeit selbstständig
und ohne Benutzung anderer als
der genannten Materialien angefertigt habe. Alle aus fremden Werken direkt
oder indirekt übernommene Gedanken sind als solche kenntlich gemacht.
Die Erlaubnis zur Verwendung aller durch Copyright geschützten Produkte
wurde von mir nachweislich eingeholt. Ich bin mir bewusst, dass eine falsche
Erklärung rechtliche
Folgen haben wird.
Salzburg, am 16. Februar 2009 Susi Wiesenegger e.h.
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Vorwort
Ich habe mich nun mehr als ein halbes Jahr mit dem Thema meiner Fachbereichsarbeit
auseinandergesetzt. Es war eine anstrengende, aber auch sehr interessante Zeit,
in der ich unbeschreiblich
viel gelernt habe.
An dieser Stelle möchte ich meinen Eltern für die Unterstützung
danken. Mein Dank gilt vor allem
meinem Vater, Hans Wiesenegger, der mir immer mit Rat und Tat beiseite stand
und mir in techni
schen Bereichen weiter geholfen hat, aber natürlich auch Herrn Professor
Stadlhuber, der mich
während meiner Arbeit betreut hat und stets eine Quelle neuer Inspiration
war.
Zu guter Letzt danke ich Gottfried Helnwein selbst. Danke für das Interesse
an meiner Arbeit und
danke dafür, dass ein so großartiger Künstler und bemerkwerter
Mensch sich die Mühe gemacht
hat, meine Fragen ausführlich zu beantworten.
Salzburg, am 16. Februar 2009 Susi Wiesenegger
5
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Einleitung:
„Kunst ist Leben und Leben ist realistisch.“
(Duane Hanson)1
Ich habe schon sehr früh, am Beginn der Oberstufe, mit dem Gedanken, eine
Fachbereichsarbeit zu
schreiben, gespielt. Ich war von der Vorstellung selbst ein Thema auszuwählen
und somit einen
Teil meiner Maturaprüfung mit gestalten zu dürfen, fasziniert.
Zu diesem Zeitpunkt war ich mir jedoch noch nicht ganz sicher, in welchem Fach
ich diesen Weg
bestreiten würde. Im Laufe der Oberstufe hat sich dann aber ganz deutlich
ein Favorit herauskristallisiert: Kunst.
Einer der schwierigsten Teile meiner Arbeit war, im Nachhinein betrachtet,
die Themen- bzw. Titelauswahl. Schwierig deshalb, da mein besonderes Interesse
für mich als
leidenschaftliche Fotografin vor allem der Fotografie galt und ich mich daher
auch in meiner Fachbereichsarbeit gerne
mit diesem Medium auseinandersetzen wollte. Weiters war es für mich von
Anfang an besonders
wichtig, wirklich begeistert vom Thema meiner Arbeit zu sein.
Herr Prof. Stadlhuber hegt jedoch eine ähnliche Begeisterung für
die Malerei. Wir suchten daher
nach einem Weg, die beiden Kunstformen sowie unser unterschiedliches Interesse
auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen und zu verbinden. In weiterer Folge
kamen wir zu folgendem, natürlich in sehr vereinfachter Form dargestellten
Schluss:
Fotografie + Malerei = Fotorealismus
Herr Prof. Stadlhuber zeigte mir in einer auf unser Gespräch folgenden
Unterrichtstunde ein Bild
von Isabel de Frías, ich war begeistert und wusste, das war mein Thema:
Fotorealismus.
Heute, fast am Ende meiner Arbeit angelangt, kann ich diese Euphorie für
Fotorealismus jedoch
nicht mehr so ungeteilt nachvollziehen, da ich inzwischen einen Künstler
gefunden habe, der mich
viel mehr als die traditionellen Fotorealisten fasziniert: Gottfried Helnwein.
Der Weg zu dieser Erkenntnis war allerdings ein langer: Am Beginn meiner Sommerferien
2008
habe ich mich vor allem mit Fotorealismus beschäftigt. Mit seiner Entstehungsgeschichte,
mit den
Vertretern und den Arbeitsweisen etc. Ich fand das Thema durchaus interessant,
aber dennoch war
ich immer auf der Suche nach etwas Anderem, Außergewöhnlichem, nach
etwas Einzigartigen;
__________________
1 Duane Hanson in: Buchsteiner, Thomas: Kunst ist Leben und Leben ist realistisch.
In: Buchsteiner, Thomas; Letze.
Otto (Hrsg.): Duane Hanson more than reality. Ostfildern - Ruit 2001, S. 68
6
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etwas, das die Fotorealisten von allen anderen Künstlern
unterscheidet. Doch das Detail, das die
Fotorealisten vor allem von anderen Künstlern maßgeblich unterscheidet,
ist die Technik.
Ich persönlich hege eigentlich kein besonders großes Interesse für
Technik. Aus diesem Umstand
resultierte folglich eine stetig sinkende Begeisterung für mein ausgewähltes
Thema.
Ich war nun auf der Suche nach einem Künstler, dessen Bilder mich buchstäblich
umwerfen würden, an denen ich teilhaben könnte, zu dessen Kunst ich
eine Verbindung spüren würde und bei
dem nicht nur die Technik im Mittelpunkt steht. Diese Suche endete, als ich
einen der begabtesten
und aufregendsten Künstlern unserer heutigen Zeit entdeckte: Gottfried
Helnwein.
Ich kann mich ganz genau an diesen Moment erinnern. Ich saß am Flussufer
der Salzach, als ich
zum ersten Mal eine Biographie des Künstlers in der Hand hielt. Ich begann
sie zu lesen und es
dauerte keine zehn Sekunden, bis ich von seinem aufregenden Leben gefesselt
war. Am nächsten
Tag recherchierte ich genauer im Internet und sah mir zahlreiche Bilder von
Gottfried Helnwein an.
Sehr schnell war mir klar, das ist mein Künstler, nach ihm war ich auf
der Suche. Somit änderte
sich auch mein Thema, im Mittelpunkt meiner Arbeit stand nicht mehr länger
Fotorealismus sondern Gottfried Helnwein. Meine Begeisterung für den Künstler
gipfelte zunächst bei einer Reise
nach Prag als ich die Möglichkeit hatte, Helnwein's Bilder im Original
zu sehen.
Im Museum Rudolfinum wurden zahlreiche Werke unter dem Titel „Angels
Sleeping“ ausgestellt.
Es war in der Tat ein unbeschreibliches Erlebnis, so dass es mir schwer fällt
diese Erfahrung in
Worte zu fassen. Bislang kannte ich die Werke des Künstlers nur aus Büchern
und dem Internet.
Aber als ich diese riesigen Gemälde und Fotografien im Original sah, war
ich buchstäblich sprachlos und überwältigt. Überwältigt
vor allem von der Bildwirkung, der Klarheit seiner Botschaft und
der Bedeutung für mich persönlich. Bei manch anderen Künstlern
fällt es mir schwer, Bildinhalt
und Künstler zu verstehen, beim Anblick von Helnwein's Bildern war ich
zu Tränen gerührt, weil
mich die Bilder so ergriffen und ich die Angst, Verletztheit und all diese
schrecklich dargestellten
Gefühle auch selbst kenne.
Zu Schulbeginn habe ich dann nochmals mit Herrn Prof. Stadlhuber die Verlegung
des Schwerpunktes meiner Arbeit von Fotorealismus zu Gottfried Helnwein besprochen,
er war mit meiner
Entscheidung einverstanden. In dieser Zeit entstand auch der eigentliche Titel
meiner Arbeit:
Gottfried Helnwein mit der Fragestellung Warum malt jemand fotorealistisch
obwohl es die Fotografie gibt?
Den weiteren Verlauf meiner Arbeit kann ich als sehr unproblematisch bezeichnen,
ich bin bei
meiner selbstständigen Arbeit auf keine größeren Schwierigkeiten
gestoßen und bin stets mit neuen
Anregungen seitens meines Professors bedient worden.
Eine besondere Arbeitshilfe war mir vor allem der Ausstellungskatalog „Helnwein“,
der anlässlich
einer Retrospektive des Künstlers 1997 im Museum Ludwig in Moskau veröffentlicht
wurde. Ein
sehr komplexes Werk, das alle bis dato vorhandenen Informationen und Werke
des Künstlers kompakt zusammenfasste. Sehr hilfreich waren auch die Recherchen
in der Bibliothek des Lentos Mu-
7
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seums in Linz, welche über eine große Anzahl von Ausstellungskatalogen
und Presseberichten
verfügte und natürlich auch die offizielle Homepage des Künstlers,
die auch auf zahlreiche andere
hilfreiche Links verwies.
Zum Schluss war mir vor allem aber auch der Künstler selbst eine große
Hilfe und Anstoß neuer
Inspiration. In den Weihnachtsferien habe ich ein E-Mail an Gottfried Helnwein
verfasst, indem ich
dem Künstler drei, für mich interessante Fragen stellte (siehe E-Mailverkehr
im Anhang).
Ich habe zwar erwartet, dass ein vielbeschäftigter Künstler wie Gottfried
Helnwein, kaum Zeit
finden würde, meine Fragen zu beantworten, aber insgeheim hoffte ich doch,
eine Antwort zu erhalten.
So geschah es auch und ich danke Gottfried Helnwein an dieser Stelle nochmals,
dass er sich die
Zeit nahm, sich mit meinen Fragen ausführlich zu beschäftigen. Dies
war mir nicht nur eine große
Hilfe, ich habe mich auch wahnsinnig darüber gefreut, dass er sich für
meine Arbeit interessiert
und mich auch darum gebeten hat sie ihm zuschicken, sodass er sie lesen kann!
Die Antworten auf mein E-Mail und die darin gestellten Fragen, waren neben
dem Ausstellungsbesuch in Prag sicherlich das Highlight meiner Arbeit. Für
mich war seine Reaktion nochmals eine
Bestätigung dafür, dass er nicht nur ein großartiger Künstler
sondern auch ein wahnsinnig toller
Mensch ist, der sich sogar die Mühe macht, einer Schülerin persönlich
zu antworten, während andere Künstler bestenfalls ihre Sekretärinnen
antworten lassen oder erst gar nicht reagieren.
Insgesamt betrachtet, hat es wirklich sehr viel Spaß gemacht, eine Fachbereichsarbeit über
einen so
großartigen Künstler zu schreiben, ich habe in dieser sehr intensiven
Zeit sehr viel dazu gelernt.
8
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| Titel: | Gottfried Helnwein |
| Fragestellung: | Warum malt jemand fotorealistisch obwohl es die Fotografie gibt? |
Autor: |
Susi Wiesenegger |
Fach: |
Fachbereichsarbeit aus Bildnerische Erziehung |
In der Fachbereichsarbeit wird zuerst die Entstehungsgeschichte des Fotorealismus
geschildert,
anschließend werden Motive, unterschiedliche Techniken und deren jeweilige
Vertreter näher erklärt bzw. erläutert.
Der eigentliche Schwerpunkt der Arbeit liegt jedoch beim Künstler Gottfried
Helnwein und seinen
faszinierenden Werken, die zum Teil bewusst provozieren, um dadurch den Betrachter
zum Nachdenken anzuregen.
Helnwein's Werdegang vom Wiener Enfant terrible bis zum Pendler zwischen zwei
Kontinenten
wird ausführlich beschrieben und die Bedeutung von Entenhausen, Donald
Duck und Katholizismus für seine späteren Werke näher erläutert.
Zuletzt wird versucht, Antworten auf die Frage: Warum
malt jemand im Zeitalter der Technik immer noch fotorealistisch? zu finden.
9
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1. Fotorealismus:
1.1 Geschichte und Entwicklung
Nach einer Fülle gewöhnungsbedürftiger Stilrichtungen wie Expressionismus
(vor allem der abstrakte Expressionismus), Kubismus sowie Futurismus führte
die Wiederkehr des Realismus im 20.
Jahrhundert zum Aufatmen so mancher Kunstliebhaber aber vor allem auch zum
Aufatmen einiger
Künstler. Die neue Stilrichtung, der so genannte Neurealismus, war für
jedermann leicht verständlich und wahrscheinlich gerade deshalb so populär
im 20. Jahrhundert. Der Neurealismus oder die
Neue Sachlichkeit, wie der jedermann geläufige Name, schien jedoch nicht
wirklich etwas grundlegend Neues zu bringen, sondern war lediglich ein Versuch
neue Ordnung, Übersichtlichkeit
und
Verständlichkeit zu verbreiten, von der man sich im Laufe der Jahrhunderte
weit entfernt hatte.
Der Begriff Realismus bezeichnet ein großzügiges Spektrum an einer
Vielfalt von Kunstrichtungen, das vom Fotorealismus bis hin zum Kapitalistischen
Realismus reicht.2
Das ursprüngliche Bedeutungsfeld, zumindest in Bereich
der Kunst, war viel kleiner und übersichtlicher. Als Realismus wurde zunächst
eine Kunstrichtung im 19. Jahrhundert bezeichnet, die sich
selbst, zum ersten Mal in der Geschichte der Kunst, als realistisch bezeichnete,
um damit einen
bewussten Gegenpol zu den überwiegend vorherrschenden abstrakten Künsten
zu schaffen.
Gustave Courbet (1819-1877) wurde für sein Werk Stein(e)klopfer (1850),
welches mit einer groben, pastosen Malweise, ohne jegliche Idealisierung, angefertigt
wurde, zunächst
von Kritikern als „Realist“ angegriffen. Courbet gelang es jedoch
diesen Begriff ins positive Licht zu rücken. Nach
der Ablehnung seiner Bilder vom Pariser Salon, zeigte der Künstler seine
Werke, anlässlich der
Weltausstellung im Jahr 1855, in einer Baracke, die er als „Pavillon
du Réalisme“ bezeichnete.
Im selben Jahr verfasste der Künstler das einflussreiche „Realistische
Manifest“. Ein Schriftstück
in dem der Künstler für eine individuelle Kunst eintrat und festlegte,
nur das darzustellen, was er
sehen und anfassen kann. Anders als im Akademismus, will Courbet nicht länger
repräsentative
Themen, sondern das ganz normale, alltägliche Leben realistisch darstellen.3
Courbet’s im Jahr 1855 entstandenes Programmbild Das Atelier des Künstlers
ist ein häufig zitiertes Beispiel für eine Malerei, die mit Hilfestellung
der Fotografie ihre ausgewählten Motive präzisiert. Der, unter anderem
im Werk abgebildete Akt einer Frau ist Anlehnung an eine Aktfotografie
von Julien de Vallou Villeneuve. Diese Integration einer fotografischen Vorlage
verweist darauf,
dass die revolutionäre Erfindung der Fotografie einen Prozess in die Wege
leitete, der auch die
Malerei grundlegend veränderte und viele Künstler beeinflusste4.
__________________
2 Vgl.:
Stremmel, Kerstin: Realismus. Köln 2004, S. 6
3 Vgl.: Ebd., S. 6
4 Vgl.: Ebd., S. 6f
10
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Der Begriff Realismus ist jedoch nicht nur ein Epochenkonzept des 19. Jahrhunderts,
von Courbet
eingeführt und von weiteren französischen Künstlern wie Edouard
Manet fortgesetzt. Realistische
Tendenzen gab es schon seit der Antike, nur wurden sie damals anders benannt.
Im 20. Jahrhundert begann erneut eine produktive und intensive Auseinandersetzung
mit dem
Begriff Realität und Realismus. Jene führte zu den verschiedensten
Erscheinungsformen mit sehr
unterschiedlichen Ausprägungen von Realismus, darunter auch der Fotorealismus.5
In den frühen Sechzigern arbeiteten mittlerweile viele Künstler, unterschiedlicher
Herkunft, an der
lang ersehnten Wiederkehr der Bildsymbolik in die Kunst. All diese Künstler
wurden, trotz verschiedenster philosophischer Überzeugungen sowie künstlerischer
Herkunft, unter dem Begriff „Neue Realisten“ zusammengefasst. Zu
den so genannten Neu Realisten zählte im Prinzip jeder
Künstler, der in Ansätzen realistische Bilder kreierte. Da er in der
postabstrakten Periode lebte,
wurde er als Neu Realist bezeichnet damit er von Künstlern früherer
realistischer Epochen unterschieden werden konnte. Folglich entstanden auch verschiedenste
neue Begriffe, um die einzelnen
Richtungen des Realismus zu differenzieren. Darunter befanden sich also nun die
bekannten Richtungen wie Sharp Focus Realism, Super- Realism oder Hyperrealismus
sowie der Phantastische
Realismus.6
Die Bezeichnung Fotorealismus wurde ursprünglich vom Galeristen Louis K.
Meisel eingeführt.
Meisel sah 1968 die Werke der Künstler Richard Estes und Chuck Close und
erkannte, dass es sich
hierbei um einen fotografischen Realismus handeln musste, sowohl in der Methode
als auch im
Erscheinungsbild. In weiterer Folge begann der Kunsthändler, jene und andere ähnliche
Arbeiten
als Fotorealismus zu benennen. Meisel verwendete den Begriff mehrere Jahre lang
und wurde währenddessen immer wieder gefragt, was er mit Fotorealismus und
Fotorealisten meine.7
„Ein Fotorealist ist ein Künstler, der anstelle
eines Skizzenblocks eine Kamera verwende und
Bilder mit Hilfe eines Rasters oder eines Projektors auf den Malgrund überträgt
und die technischen Fähigkeiten besäße [sic!], ein Bild fotografisch
erscheinen zu lassen".8
Dies war zu diesem Zeitpunkt natürlich noch eine sehr vage Definition der
Kunstrichtung und
konnte deshalb auch Künstler mit einschließen, die keine wahren Fotorealisten
waren.
Um den Begriff zu konkretisieren, schuf Meisel 1972 eine so genannte Fünf-
Punkte- Definition für
Fotorealisten. Daraufhin wurde Meisel von Stuart M. Speiser gebeten eine gleichnamige
Ausstellung zu gestalten, die erfolgreich in zwanzig verschiedenen Museen gezeigt
wurde.
Somit rückte der Begriff Fotorealismus und seine damaligen vertretenden
Künstler ins Licht der Öffentlichkeit und gewann mehr und mehr an Bedeutung.10
__________________
5 Vgl.: Stremmel, Kerstin: Realismus. Köln 2004, S. 8
6 Vgl.: Meisel, Louis K.: Fotorealismus. Die Malerei des Augenblicks. Luzern 1989,
S. 12
7 Vgl.: Meisel, Louis K.: Fotorealismus. Die Malerei des Augenblicks. Luzern 1989,
S. 12
8 Meisel, Louis K.: Fotorealismus. Die Malerei
des Augenblicks. Luzern 1989, S. 12
10 Vgl.: Meisel, Louis K.: Fotorealismus. Die
Malerei des Augenblicks. Luzern 1989, S. 12f
11
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Die Definition eines wahren Fotorealisten, nach Louis K. Meisel, lautete:
1. Der Fotorealist sammelt mit der Kamera und dem Foto Informationen.
2. Der Fotorealist verwendet mechanische oder halbmechanische Mittel, um die
Informationen auf die Leinwand zu übertragen.
3. Der Fotorealist muss eine Arbeit fotografisch erscheinen lassen können.
4. Der Künstler muss bis 1972 Arbeiten als Fotorealist ausgestellt haben,
um als echter Fotoealist anerkannt zu werden.
5. Der Künstler muß [sic!] sich mindestens fünf Jahre lang
der Entwicklung und Ausstellung
fotorealistischer Arbeiten gewidmet haben.
Ein echter Fotorealist will also, ähnlich wie der impressionistische
Gedanke, einen Moment, allerdings mit der Kamera, einfangen bzw. einfrieren
und diesen in seinem Werk gemalt wiedergeben.
Die Veränderungen (wie Jahreszeiten, Wetter, Licht, Wind,...) und Bewegungen
(wie der Verkehr
bei Stadtaufnahmen) will der Künstler in einer Sekunde festhalten und
genau diese vollständig und
bis ins kleinste Detail wiedergeben. Buchstäblich, eine Malerei des
Augenblicks. Eine solche Malerei kann dennoch ohne die Hilfestellung der
Fotografie nicht bestehen, da das Thema eines fotorealistischen Bildes die
Fotografie ist. 12
Die Künstler zielen auf!eine konzentrierte Darstellung ab, um die Wirklichkeit
als Illusion zu entlarven. Durch eine „hyperrealistische“ Darstellung
möchten
einige Künstler die Bildwirkung verstärken. Die Wirklichkeit wird
in den Bildern übersteigert, sprich
hyper- realisiert und oft durch die
Verwendung und Abbildung reflektierender Gegenstände ( wie glänzende,
glasverkleidete Fassaden, Schaufenster, Supermärkte, Autos, etc.) sogar
vervielfältigt.
Im Zeitalter der Medien, in dem der Mensch oft von visuellen Informationen überreizt
wird, ist es
den fotorealistischen Malern ein Anliegen, den Betrachter zu sensibilisieren,
damit er auf die gemalten Kleinigkeiten und Details aufmerksam wird, die er
immer weniger bewusst in seiner Umgebung wahrnimmt. Da ein Foto bzw. Dia als
Inspiration und Vorlage dient, besteht der kreative Akt
also aus der Motivauswahl sowie der anschließenden farblichen Gestaltung.13
__________________
12 Vgl.: Meisel, Louis K.: Fotorealismus. Die Malerei des Augenblicks. Luzern
1989, S. 13
13 Vgl.: Rambousek, Friedrich: BILDER BAUTEN GEBILDE,
Wien 2000, S. 94f
12
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1.2 Fotorealistische Motive:
Die Motive im Fotorealismus variieren von Künstler zu Künstler,
es ist also schwer die Sujets der
Bilder einzugrenzen. Man kann jedoch im Allgemeinen sagen, dass moderne Gebrauchsgegenstände,
Autos, Reklamen, Schaufenster, Ausschnitte aus Großstädten,
sowie deren moderne Architektur, typische Motive vieler Fotorealisten sind.
Diese werden bewusst verwendet, um den Betrachter
auf die Schönheit der modernen Welt aufmerksam zu machen, gleichzeitig
aber auch, um in ihrer
stilllebenhaften Darstellung, auf die Vergänglichkeit unsere Konsumwelt
hinzuweisen.14
1.3 Fotorealistische Technik:
Die Technik der fotorealistischen Maler gibt es in zahlreichen Variationen,
die der jeweilige Künstler für sich selbst ausgewählt oder zum
Teil auch selbst entwickelt hat. Meistens wird allerdings
ein Foto bzw. Dia als Vorlage und Inspirationsquelle verwendet.
Der kreative Prozess beginnt also schon vor dem eigentlichen Malakt, mit
der Motivauswahl. Fotorealisten müssen folglich auch fotografisches Geschick
beweisen. Sie machen sich dabei fotografische Techniken, wie beispielsweise
Weitwinkel- und Nahaufnahmen, Schnappschüsse
oder exakt
arrangierte Porträts, zunutze um die gewünschte Bildwirkung zu
erzielen. Manchmal setzen sie
sogar mehrere Fotos zu Panorama- Bildern zusammen. Beim weiteren Vorgehen
gibt es zwei Varianten:
• Das Dia wird von einem Beamer auf eine meist großflächige
Leinwand projiziert und anschließend detailgerecht und naturgetreu
auf eine Leinwand übertragen.
Die Projektion
dient als Hilfe um das gesehene Bild proportional zu malen.
• Die Leinwand sowie das Dia werden in Rasterkästchen geteilt. Anschließend
versucht man
das Kästchen vom Foto bzw. Dia exakt, natürlich aber vergrößert,
auf die Leinwand zuübertragen. Oft wird zuerst das Bild mit Bleistift
vorgezeichnet um den Vorgang zu erleichtern.
Wichtig ist jedoch, egal ob man ein Raster verwendet, mit Bleistift vorzeichnet
oder das Dia direkt
auf die Leinwand projiziert, dass das Bild wie das Original-Foto aussieht und
dieses trotz der Tatsache, dass es gemalt ist. Es soll fotorealistisch sein.
Gemalt wird meist in Acryl oder Dispersion,
zum Teil aber auch in Öl.15
Fotorealistischen Künstlern wird oft vorgeworfen, nicht selbst bzw. eigenständig
malen zu können,
da sie lediglich Fotos kopieren und mit Hilfe ausgefeilter Techniken abmalen.
Dieses Vorurteil
__________________
14 Vgl.: Hoffmann, Fabian. Der Fotorealismus.
In: http://did.mat.uni-bayeruth.de/~kunst/bib/fotoreal.html, zugegriffen
am 09. Oktober 2008
15 Vgl.: Hoffmann, Fabian. Der Fotorealismus.
In: http://did.mat.uni-bayeruth.de/~kunst/bib/fotoreal.html, zugegriffen
am 09. Oktober 2008
13
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kann leicht aus dem Weg geräumt werden, wenn man in Betracht zieht,
dass es legitim ist, ein Bild
von einem Objekt zu malen, warum also nicht ein Bild von einem Foto?
Die Impressionisten beispielsweise fertigten ihre Bilder nach Zeichnungen
und Skizzen an, die
ihnen halfen Ideen, Informationen und Farben festzuhalten, um sie anschließend
künstlerisch auszuarbeiten.
Fotorealisten hingegen verwenden anstatt eines Skizzenblocks eine Kamera,
aber nicht weil es
ihnen an zeichnerischem Talent mangelt, sondern um Zeit zu sparen.16 Realisten
mögen vielleicht
hunderte von Zeichnungen für ein Bild anfertigen, Fotorealisten hingegen
machen eine Aufnahme,
ein Foto (vielleicht auch mehrere und sie wählen eines aus).
Für die fotografische Integration gibt es auch philosophische Gründe.
Viele Fotorealisten finden
Gefallen an dem Gedanken schon vor Beginn des Malakts zu wissen, wie das
Werk aussieht. Dafür
wollen sie vor dem Malen schon die meisten Entscheidungen getroffen haben,
wie Komposition,
Farbe, Bildsymbolik, etc.. Sie können sich anschließend ausschließlich
auf die technischen Probleme des Malens konzentrieren. Ein Fotorealist weiß genau
wie letztendlich das Bild aussehen soll
und arbeitet solange daran, bis es seiner Vorstellung entspricht.17
Howard Kanovitz, ein US-amerikanischer Fotorealist sagte einst:
Alles ist, wie es ist - und ist als zusammengesetzte
Oberfläche doch
neu und anders als es
scheint.“18
Durch diese Aussage wird deutlich, dass die Fotorealisten nicht versuchen
mit der detaillierten
Genauigkeit des Kameraauges zu konkurrieren, die Technik zielt nicht unbedingt
nur auf eine genaue Imitation des Fotos ab. Das Interesse gilt viel mehr den
Problemen, welche bei der Übertragung von Lichtpunkten, Reflexen und Farben
entstehen (hierbei liegt, wenn auch nur entfernt, eine
Verbindung zur Concept Art verborgen).19
Die glatte Oberfläche der Bilder ist eines der Hauptmerkmale der fotorealistischen
Technik. Um
die gewünschte Bildwirkung zu erzeugen, werden beim Fotorealismus grundsätzlich
zwei Hilfsmittel zum Auftragen der Farbe auf die Leinwand verwendet. Zum
einen der traditionelle Borstenpinsel und zum anderen die Spritzpistole, auch
Airbrush genannt.20 Der tatsächliche
Ursprung der
Airbrush- Technik ist sehr umstritten.
Abner Peeler soll die erste Airbrush- Pistole im Jahr 1878 konstruiert haben.
Peeler war ein amerikanischer Juwelier der seine Erfindung 1882 patentieren ließ.
Seinem Patentantrag legte er ein
Selbstportrait, welches er mit Hilfe seiner neuen Erfindung retuschieren
konnte, bei. Das Prinzip
der Airbrush hat sich seither kaum verändert, obwohl sich die Verarbeitung,
Materialien und Fein-
__________________
16 Vgl.: Meisel, Louis K.: Fotorealismus. Die
Malerei des Augenblicks. Luzern 1989, S. 21
17 Vgl.: Meisel, Louis K.: Fotorealismus. Die Malerei des Augenblicks. Luzern
1989, S. 21
18 Kanovitz, Howard in: Merkert, Jorn: Between Worlds:
Painter of Contradiction. In:
www.howardkanovitz.com/merkert.html, zugegriffen am 06. Februar 2009
19 Vgl.: Photorealismus (seit 1964). In: www.kunstwissen.de/fach/f-kunst/b_postm/frOO.html,
zugegriffen am 14.
Jänner 2009
20 Vgl.: Meisel, Louis K.: Fotorealismus. Die Malerei des Augenblicks. Luzern
1989, S.15
14
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technik seitdem wesentlich verbessert haben. Die ersten Bilder, die mit Airbrush-
Pistolen entstanden, wurden von Kunstliebhabern, Museen und Kritikern abgelehnt.
Die Werke seien mit „nicht
künstlerischen Mitteln“ gemalt worden und somit keine „richtige“ Malerei
und damit auch keine
Kunst. Erst in den Sechzigern und Siebzigern erreichte die Airbrush- Kunst,
zuerst durch die Pop-Art, ihren Höhepunkt und wurde als Kunstrichtung anerkannt
und entwickelte sich zu einer eigene
Kunstform, die sich mit der realistischen, oder gar hyperrealistischen Darstellung
des Objekts beschäftigt. Die Technik wurde teilweise auch zur Fotoretusche
eingesetzt, da sie hier ihren Hauptvorteil, den sanften Farbverlauf, ausspielen
konnte. In den neunziger Jahren, musste die Airbrush-Pistole ihren Stellenwert,
zumindest in der industriellen Branche, an den Computer abgeben.21
Dennoch wird die Airbrush -Technik heute noch in den unterschiedlichsten Bereichen
eingesetzt,
beispielsweise in der Werbe-Illustration oder im Bereich von Custompainting
(vor allem von Fahrzeugen).22
1.4 Fotorealistische Plastik:
Duane Hanson:
Dass Fotorealismus bzw. dem Konzept von Realismus keine Grenzen gesetzt sind
und die Ideen
auf viele Bereiche der Kunst übertragbar sind, lässt sich gut am
Beispiel des Künstlers Duane Hanson demonstrieren. Der Künstler gilt
als Bindeglied zwischen der Pop- Art und dem Foto- bzw.
Hyperrealismus, deshalb nannte man ihn auch liebevoll den „Hyperrealisten
der Pop- Art Bewegung“.23
„Ich liebe keine Fiktion, ich liebe Geschichten“24 sagte
einst der amerikanische Bildhauer in einem Interview.
Der Künstler Duane Hanson wurde berühmt für seine fotorealistischen,
detailgetreuen Skulpturen.
Sie sind sein persönlicher, künstlerischer Ausdruck für diese
Auffassung des realistischen Konzepts. Jede einzelne Figur erzählt nicht
nur eine Geschichte und ist Symbol für individuelle Schicksalsschläge,
sondern ist zugleich auch das Medium seiner politischen und gesellschaftskritischen
Botschaft.25 Seine Geschichte begann am 17.
Jänner
1925 in Alexandria, Minnesota, in den Vereinigten Staaten.
__________________
21 Vgl.: Schlapbach, Dirk: Airbrush. Grundlagen. Motive und Modellgestaltung.
Wiesbaden 2004!
22
Vgl.: Nußdorfer, Jürgen: Kursskriptum „Airbrush für Anfänger“ (teilgenommen
vom 18.- 19. Oktober 2008, VHS
Salzburg)
23
Vgl.: Hahnau, Silke: Duane Hanson: die künstliche Wirklichkeit. In:
www.hahnau.de/downloads/DuaneHanson.pdf,
zugegriffen am 25. Oktober 2008
24
Duane Hanson in: Romain; Bluemeler (Hrsg.): Künstler. Kritisches Lexikon
der Gegenwartskunst. Duane Hanson.
Ausgabe 24. München 1993, S.2
25 Vgl.: Hahnau, Silke: Duane Hanson: die künstliche Wirklichkeit. In:
www.hahnau.de/downloads/DuaneHanson.pdf, zugegriffen am 25.Oktober 2008
15
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In den 60er Jahren beginnt Hanson mit der Herstellung von maßstabgetreuen
Figuren. Für deren
Anfertigung entwickelt Hanson eine besonders ausgefeilte Technik um seine
Skulpturen möglichst
realistisch wirken zu lassen.
Die einzigartige Wirkung erzielte er durch ein strenges Kompositionskonzept
wobei an erster Stelle
die Auswahl eines Modells steht. Die natürliche Haltung spielt hierbei
vor allem eine bedeutende
Rolle, denn seine visuelle Übereinstimmung mit der Realität wirkt
zweifellos am überzeugendsten.26
Seine weitere Vorgehensweise, der eigentliche Herstellungsprozess, besteht
aus zahlreichen Teilen,
die mit größter Sorgfalt ausgeführt werden mussten, um die gewünschte
Authentizität zu erzielen.
Zunächst begann er damit, das sorgfältig ausgewählte Modell
mit Mineralöl einzureiben, um eventuelles Festkleben von Körperhaaren
zu vermeiden. Anschließend wurde
flüssiger Silikongummi in
einzelnen Arbeitsabschnitten auf den Körper des Modells aufgetragen,
dabei blieben Mund und
Augen ausgespart, sodass das Modell atmen und sehen konnte. Daraufhin wurde
der Silikongummi
mit Streifen aus Fiberglas und Gips verstärkt, um die Stabilität der
Gussform zu gewähren. Danach
begann die Herstellung der eigentlichen Skulptur. Hanson goss erhitztes Polyvinylacetat
Schicht
für Schicht in die einzelnen, hergestellten Gussformen. Anschließend
wurde die äußere Form in
kleine Stücke zerschnitten und vorsichtig vom getrockneten Polyvinylacetat
abgelöst. In weiterer
Folge verwendete Hanson Sandpapier um die Gussstücke zu glätten und
zu säubern. Diese baute er
nun bei den Füßen beginnend vorsichtig zusammen. Zuletzt wurde die
Oberfläche mit Schellack
versiegelt. 27
Ein weiterer wichtiger Arbeitsabschnitt war die Bemalung der Skulpturen,
um sie möglichst lebensecht und überzeugend wirken zu lassen. Dafür
verwendete er Acryl und Öl-Farben, die er
durch Sprühen, Pinseln oder durch den Gebrauch eines Lappen oder gar
mit seinen eigenen Fingern
auftrug. Hanson widmete sich jedem noch so kleinen Detail, das in irgendeiner
Weise wichtig für
den Gesamteindruck war. Sei es ein faltiges Gesicht, schmutzige Hände,
Dreck unter den Fingernägel, blaue Flecken, dunkle Augenpartien, Narben
oder gar Sommersprossen, Hanson entging
nichts. Er ersetzte sogar die zuerst verwendeten, vorgefertigten Perücken,
indem er einzelne künstliche oder menschliche Haarsträhnen mit
einer Nähnadel in die Oberfläche
einnähte.28
Auffallend an Hansons Figuren ist jedoch, dass der Mund stets geschlossen
ist und niemals ein
Lächeln zeigt. Dies tat Hanson jedoch aus Überzeugung, da er der
Meinung war, das die von ihm
dargestellten Menschen in ihrem trostlosen Leben nicht lächeln, geschweige
denn etwas zu Lachen
hätten.
Weiters ist der starre, oftmals auch demütige Blick stets zu Boden gerichtet,
um einerseits Demut
und Lebensmüdigkeit, die jene Figuren nach unten zieht, zu demonstrieren,
andererseits aber auch,
__________________
26 Vgl.: Hahnau, Silke: Duane Hanson: die künstliche Wirklichkeit. In:
www.hahnau.de/downloads/DuaneHanson.pdf, zugegriffen am 25. Oktober
2008
27 Vgl.: Ebd., zugegriffen am 25. Oktober 2008
28 Vgl.: Ebd., zugegriffen am 25.
Oktober 2008
16
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um jeden Augenkontakt mit dem Besucher, der die Skulptur sicherlich sehr rasch
als unbeseelt
entlarven würde, zu vermeiden. Erst die Kleidung sowie weitere Elemente,
welche die Skulpturen
umgeben, vervollständigen das wirkungsvolle Bild und verstärken den
Effekt der Authentizität.
Hanson erhielt die oft schon getragenen, schmutzigen, zerrissenen Kleidungsstücke
entweder von
seinem Modell selbst, oder erwarb sie in Secondhand Shops. Aber auch da überließ Hanson
nichts
dem Zufall, folglich wurde alles genau aufeinander abgestimmt: Die typische
Zigaretten Marke,
das richtige Bier, sowie der abgetragene Schmuck kombiniert mit der richtigen
Brille. Alles um
nicht nur den Charakter des Authentischen zu verstärken, sondern um
auch einen Wiedererkennungswert zu garantieren, um den Eindruck des Allgemeinen
zu verstärken,
um dem Betrachter das
Gefühl zu geben, dieser Person schon einmal über den Weg gelaufen
zu sein.
Der Mensch, das Thema Gesellschaft und die bis ins Detail perfektionierte
Technik stehen im Mittelpunkt von Hansons Werken. Er thematisiert menschliche
Schwächen,
Sorgen, Alltagsprobleme,
sowie die Einsamkeit, die Resignation, Leere, Alter, Anonymität in der Großstadt,
damit trifft er
auch gleichzeitig eine Aussage über die Geschichte, seine eigene Zeit
und Lebenserfahrung.
Duane Hanson nimmt stets zu aktuellen Themen Bezug und verkörpert seine
politisch- sowie sozialkritische Meinung in seinen Werken. Ein weiterer Aspekt
seiner Arbeit ist natürlich die
schwankende Wirkung zwischen Faszination und Befremdlichkeit mit der Duane
Hanson die Aufmerksamkeit des Betrachters auf die Skulpturen lenken will. Die
Reaktionen können
dabei völlig
unterschiedlich sein: man fühlt sich unbehaglich, man ist erschrocken
aber viele werden gerade
durch diese scheinbar erstarrten Menschen angezogen.
Somit erstellt Hanson eine Kommunikation zwischen Betrachter und Kunstwerk
her. Der Betrachter beginnt nun über die Geschichte dieses künstlichen
Menschen nachzudenken, möchte jene berühren. In Erwartung auf ein kleines
Zucken, das Zeichen von Lebendigkeit, stehen viele nun gefesselt vor der Skulptur
und warten um sicher zu gehen, dass sich nicht doch ein Zeichen der Atmung auftut.
Die vielen kleinen, mit Überdeutlichkeit dargestellten
Details vermitteln etwas Persönliches und lassen die Skulpturen eine
Geschichte erzählen, wortlos.
Durch die physische Haltung, ihre Bekleidung und Gestik gewährt Hanson
einen Blick in die Psyche.29
„Kunst ist für mich Leben und Leben ist realistisch.“30
Dies sagte Duane Hanson selbst über seine Werke und meiner Meinung nach
ist dem nicht mehr
viel hinzuzufügen. Er war ein großartiger Künstler, der stets
darum bemüht war einen Ausschnitt
der Wirklichkeit ins Museum zu bringen und die Betrachter damit zu konfrontieren.
Kunst war das
Medium seiner Botschaft, mit ihr versuchte er Menschen wachzurütteln
und zum Nachdenken.
__________________
29 Vgl.: Hahnau, Silke: Duane Hanson: die künstliche
Wirklichkeit. In: www.hahnau.de/downloads/DuaneHanson.pdf, zugegriffen
am 25.Oktober 2008
30 Duane Hanson in: Buchsteiner Thomas: Kunst
ist Leben und Leben ist realistisch. In.:
Buchsteiner, Thomas; Letze, Otto (Hrsg.): Duane Hanson more than reality. Ostfildern-Ruit
2001, S. 68
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darüber, was außerhalb ihrer vier Wände
passiert, anzuregen. Er entwickelte oft sehr
brutale Skulpturen, die jedoch nur die Realität widerspiegelten. Ein Beispiel
dafür ist
die Skulptur „Abortion“ (Abb. 1).31
Diese Skulptur entstand 1965 und brachte
für Hanson gleichzeitig den lang ersehnten
künstlerischen Durchbruch mit sich. Er
fertigte diese Skulptur anlässlich der Debatte um die Abtreibungsfrage
in Florida.
In dieser Zeit gingen viele junge Mädchen und Frauen in ihrer Verzweiflung
zu kubanischen, illegalen Ärzten um abzutreiben. Da diese Ärzte
teilweise nicht ausgebildet waren, bezahlten viele mit
ihrem Leben oder wurden schwer verletzt. Hanson war eindeutig für eine
Legalisierung der Abtreibung und wollte mit jenen Skulpturen einen Appell
an die Gesellschaft richten, darüber nachzudenken, wieso man diese Mädchen
dazu zwingt, sich dem Risiko einer illegalen Abtreibung auszusetzen. Hansons
Arbeiten löste aber auch Debatten und Grundsatzdiskussionen
darüber, was Kunst
sei und wie weit Künstler gehen dürfen, aus. Doch die Faszination
an dieser Wirklichkeit und
Wahrheit, die er in seinen Figuren verkörperte, stellte alle Kritik,
die seine Werke als simpel bezeichneten, meiner Meinung nach in den Schatten.32
Viele Künstler nahmen
sich Hanson’s Grundsatz „Kunst ist Leben
und Leben ist realistisch“33 zu
Herzen, eine ganz neue Stilrichtung, der Fotorealismus, entstand.
1.5 Vertreter des Fotorealismus:
„Realismus ist kein Stil, sondern eine Art des Zugangs und ein Ziel“34
Unter diesem oder ähnlichen Grundsätzen schufen viele Künstler
als Vertreter des Fotorealismus
zahlreiche Werke. Wichtige Vertreter der Stilrichtung waren: Don Eddy, Ralph
Goings, Richard
Estes, Chuck Close, Audrey Flack, Robert Brechtle, Richard McLean, Franz Gertsch,
Gerhard
Richter und viele mehr. (Im Anhang zur FBA erfolgt eine genauere Auseinandersetzung
mit den
Künstlern Richard Estes und Chuck Close)
__________________
31 Vgl.: Hahnau, Silke: Duane Hanson: die künstliche Wirklichkeit. In:
www.hahnau.de/downloads/DuaneHanson.pdf, zugegriffen am 25. Oktober
2008
32 Vgl.: Buchsteiner, Thomas: Kunst ist Leben und Leben ist realistisch. In:
Buchsteiner, Thomas; Letze, Otto (Hrsg.):
Duane Hanson more than reality. Ostfildern- Ruit 2001, S.72f!
33 Duane Hanson in: Ebd., S. 68
34 Berger, John in: Stremmel, Kerstin: Realismus. Köln 2004, S. 9
18
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2. Gottfried Helnwein:
2.1 Darf Kunst alles???
Lieber Herr Dr. Gross
Als ich mir "Holocaust" (Die amerikanische
Fernsehserie) angeschaut habe, ist mir Ihre
Stellungnahme im "Kurier" wieder eingefallen.
Und da wir gerade das Jahr des Kindes haben,
will ich die Gelegenheit ergreifen und Ihnen im
Namen der Kinder, denen unter Ihrer Obhut in
den Himmel geholfen wurde, herzlich danken.
Danken dafür, dass Sie nicht "totgespritzt" wurden, wie Sie
sich ausdrücken, sondern dass
ihnen das Gift lediglich ins Essen gemischt wurde.
Mit deutschem Gruss [sic!]
Ihr Gottfried Helnwein 35
Helnwein: „Der Künstler als Provokateur“36 lautet die Überschrift
des von Peter Selz verfassten
Essays zum Ausstellungskatalog der großen Retrospektive Helnwein,
im Russischen Museum in St.
Petersburg. Dieser Begriff ist es auch, der den österreichischen Künstler
weltweit berühmt macht.
Im Jahre 1979 malt Gottfried Helnwein das oben abgebildete Aquarell Lebensunwertes
Leben (Abb. 2) und veröffentlicht es mit dem beigelegten Brief in der
Zeitschrift Profil. Jenes Bild entstand nach einem Kurier-Interview mit Dr. Gross,
der über
das Nazi- Euthanasie- Programm im
Dritten Reich befragt wurde. Während dieser Zeit hatte Gross sowie andere Ärzte
Kinder, die als„lebensunwert“ eingestuft worden waren, umgebracht.
Gross jedoch versuchte diese Morde zu
beschönigen, indem er angab, lediglich das Essen dieser Kinder vergiftet
zu haben, so dass sie einfach schmerzlos einschliefen.37
Derselbe Mann, Dr. Heinrich Gross, wurde zum Leiter der Staatlichen Österreichischen
Psychiatrie
ernannt und es gab keinerlei Proteste von Seiten der Politik. Helnwein jedoch,
so Selz in seinem
Essay, war „über diese grundlegende politische Apathie“38 entsetzt
und malte daraufhin das Aquarell und veröffentlichte es mit dem sarkastisch
beigefügten Brief
in der Wiener Zeitschrift. Die
folgenden Diskussionen, nach der Veröffentlichung der Zeitschrift, bewirkten
höchstwahrscheinlich Gross' Amtsniederlegung.39 Nach diesem Vorfall
wurde Gottfried Helnwein bewusst,
__________________
35 Gottfried Helnwein in: Wien Profil 1979. In: www.helnwein.de/news/update/artikel_768.html,
zugegriffen am
10. Februar 2009
36 Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler als Provokateur. In: Vladimir Gusev
(Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog zur
Retrospektive im Russischen Museum, St.Petersburg in 1997, Köln 1998,
S. 11- 110
37 Vgl.: Ebd., S.11f
38 Peter Selz in: Ebd., S.12
39 Vgl.: Ebd., S.12
19
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dass Kunst in das Leben anderer Menschen eingreifen und Veränderungen
bewirken kann. Helnweins Arbeiten ähnelten zu diesem Zeitpunkt den zeitgenössischen
amerikanischen Fotorealisten
wie Richard Estes oder Chuck Close, sein Bemühen galt stets einer präzisen,
bis ins kleinste Detail
ausgeführten Wiedergabe der Realität. Dennoch distanzieren die
bedeutungsvollen Inhalte seiner
Arbeiten den jungen Künstler von den traditionellen Fotorealisten, denn
für Helnwein soll die
Kunst, ebenso wie die Philosophie, moralische Debatten auslösen.
Peter Sager bringt es in seinem Artikel auf den Punkt: „Helnweins
Bilder treffen uns an der empfindlichsten Stelle, direkt unter dem Gürtel
der Logik“40 und das
ist auch das Anliegen des Künstlers: „Ich
möchte das Unterbewußtsein
[sic!] dort anbohren, wo man sonst nicht hinkommt.“41 Für
Helnwein ist daher der Bildinhalt wichtiger als die angewandte Technik, in
Gegensatz zu Malcom
Morley, der als erster Fotorealist gilt und feststellt: „Mich
interessiert weder der Inhalt noch die
Satire oder der gesellschaftliche Kommentar oder irgendetwas, das mit dem
Inhalt zusammenhängt…Ich akzeptiere den Inhalt als Nebenprodukt der
Oberfläche."42 Helnwein hingegen
ist ein Meister des Widerspruches, seine Werke zeichnen sich im Wesentlichen
durch die Doppeldeutigkeit aus und heben sich damit von anderen Künstlern
ab. Im Mittelpunkt seines Schaffens steht als
Hauptmotiv, das Kind. Unschuldige, wehrlose oft missbrauchte Kinder, die
bandagiert oder mit
chirurgischen Instrumenten entstellt sind und von den Erwachsenen zu Opfern
gemacht worden
sind.
Beim Betrachten dieser Bilder stellt sich wahrscheinlich so mancher die Frage,
was einen Künstler
dazu bewegt solche Bilder zu kreieren. Heiner Müller schreibt über
Helnwein:
„Wie hält ein freundlicher Mensch wie Helnwein es aus, seine exzellente
Malerei zum Spiegel
der Schrecken des Jahrhunderts zu machen? Oder hält er es einfach nicht
aus, das nicht zu
tun?“43
Die Ursachen dafür gehen viele Jahre zurück, die Wurzeln liegen
wahrscheinlich in der Kindheit
und Erziehung des jungen Helnwein, da er in einem Wien der Nachkriegszeit
aufwuchs. Keiner
sprach über die Grausamkeiten und die Brutalität der Nazizeit.
Es schien, dieser Meinung vertritt
zumindest Peter Selz, als würde jegliche Erinnerung unterdrückt
werden und die bedingungslose
Kollaboration geleugnet werden. Das Land Österreich sah sich vielmehr
selbst als Opfer des Faschismus. Für den jungen Gottfried Helnwein war
es schwer, dieses Schweigen der Bevölkerung zu
ertragen, da er ein rebellisches Kind mit vielen sozialen und politischen
Fragen, auf die er jedoch
keine Antworten erhielt, war. Gottfried hegte großes Interesse für
die jüngste Vergangenheit der
Nation, wurde aber nur durch die Apathie und das Schweigen der Menschen enttäuscht.
__________________
40 Sager, Peter: Der Schocker von Wien. In: Zeitmagazin, 1982, S.36
41 Gottfried Helnwein in: Sager, Peter: Der Schocker von Wien. In: Zeitmagazin,
1982, S.36
42 Kultermann, Udo: New Realism. Greenich, 1972, S.14
43 Müller, Heiner: Klappentext des Ausstellungskatalogs. In:Lentos Kunstmuseum
Linz, Direktorin Stella Rolling
(Hrsg.): Face it. Wien, 2006
20
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„Ich hatte das Gefühl, das höchste Ziel der Menschen um mich
herum war, übersehen zu werden. Das einzige, was sie zu fürchten
schienen, war, aufzufallen, entdeckt zu werden. Es war
eine Welt, wie nach einem schlampigen Weltuntergang, wo eben doch ein paar überlebt
hatten,
die nun vorsichtig und geduckt in den Trümmern weiter dahinvegetierten,
in der Hoffnung, der
ewige Richter möge sie übersehen.“44
So entwickelten sich zwei Erfahrungen zur bleibenden Erinnerung die der Schlüssel
zu seinen späteren Werken sind: Zum einen war es die streng katholische
Erziehung die er als Kind erhielt und
zum anderen, so beschreibt es Selz, „ein auf Unterdrückung und
Bestrafung basierendes konfessionelles Schulsystem, mit seinem Dogma der
Schuld und dem Aufruf zur Bescheidenheit“45,
die
Helnwein in seinen jungen Jahren stark beeinflussten.
Bilder und Statuen der Geißelung Christi, der Kreuzigung sowie Heiligenbilder
waren in Gottfrieds
Umgebung allgegenwärtig. Krasser Gegenspieler zu der Flut an Todeskampfdarstellungen
und zur
Heiligenverehrung war Entenhausen und die Bilderwelt des Walt Disney. Die
Comic Hefte wurden
von Schulautoritäten als „jugendgefährlich“ eingestuft,
dennoch, oder genau deshalb, waren sie ein
Lichtblick in Helnweins Leben.46
Im Jahre 1984 besuchte Helnwein sogar Carl Barks, Vater von Entenhausen,
in Kalifornien und
einige Jahre später schrieb Gottfried eine Homage an Barks in Form eines
Buches, das er mit Wer
ist Carl Barks? betitelte. Aus dieser Zeit stammt auch das berühmte
Zitat Helnweins:
„Von Donald Duck habe ich mehr gelernt als auf allen Schulen, auf
denen ich war.“47
In derselben Zeit begannen in der Kunstwelt Unruhen mit hitzigen Debatten über „hohe“ und„leichte“ Kunst.
Helnwein verteidigt die als „leicht“ bezeichneten,
populären Kunstformen wie
Jazz, Filme, Rock’n’Roll, etc…indem er das Argument, sie
würden
die wahre und ästhetische Erfahrung verderben, zurückweist. Die
gewünschte Spaltung in Hoch und
Trivialkunst sei elitär und
absolut künstlich. Walt Disney ebenso wie Picasso hätte die klassischen
Schönheitsideale gebrochen und somit eine neue visuelle Kunst von wahrhaftiger
emotionaler Bedeutung geschaffen.48
Im Laufe seiner Karriere beschäftigt sich der Künstler fortdauernd
mit Mickey Mouse und der Ente
Donald Duck, die immer wieder Motive seiner Bilder werden. Die Bewunderung
der Vitalität und
der facettenreichen Ausdrucksformen der animierten Figuren motivieren ihn
stets von neuem. Über
die sonderbare asexuelle Anmutung der Disney- Familie, so Peter Selz, sowie über
das kapitalistische Unternehmertum der Enten- Familie scheint sich Helnwein
nicht zu wundern.49
__________________
44 Helnwein, Gottfried: Zwischen Himmel und Hölle.
In: www.gottfried-helnwein.com/texte/helnweintexts/artikel_3104.html,
zugegriffen am 30.Dezember 2008
45 Vgl.: Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler als Provokateur. In: Vladimir
Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog
zur Retrospektive im Russischen Museum, St.Petersburg in 1997, Köln
1998, S.13
46 Vgl.: Ebd., S.13
47 Helnwein, Gottfried: Wer ist Carl Barks. Radolfzell, 1993, S.14
48 Vgl.: Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler als Provokateur. In: Vladimir
Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog
zur Retrospektive im Russischen Museum, St.Petersburg in 1997, Köln
1998, S. 14
49 Vgl.: Ebd., S. 14
21
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Doch die intensive Beschäftigung mit Populär-Kunst, vor allem zu
Beginn der Karriere junger
Künstler, scheint eine häufige Tätigkeit gewesen zu sein. So
gehörten
Toulouse – Loutrec sowie
Pierre Bonnard zu den besten Gestaltern von Jugendstil-Reiseplakaten. Picasso
und Matisse entwarfen ebenfalls französische Reiseplakate bis hin zu Andy
Warhol, der Werbung für Schuhe entwarf. Die Liste lässt sich noch endlos
weiterführen und so lässt
sich Helnwein, laut Selz, klar in die
Tradition der modernen Malerei einordnen.
Gottfried Helnwein schöpft alle technischen Möglichkeiten aus,
um sein Anliegen zu verwirklichen
und Kunst einer möglichst breiten Öffentlichkeit zugänglich
zu machen. Der Künstler arbeitet dabei mit Plakaten, Zeitschriften- Covers,
Offset Lithographien, Aktionen und großen
Wänden auf öffentlichen Plätzen, wie beispielsweise in Wien,
wo zuletzt eines seiner Gemälde als Mahnmal für
den Klimaschutz aufgehängt wurde.
Durch die sorgfältig ausgewählte Kleidung und sein kalkuliertes Auftreten
scheint es, als würde er
sogar seine eigene Person zu einem populären Idol machen.50
„Kunst muß [sic!] Kommunikation sein zwischen Künstler und
Publikum. Und wenn das stattfindet, dann verkriechen sich die Mafia der
Kunstszene, die meint, den Leuten sagen zu können,
was Kunst ist und was nicht. Sie haben Angst, weil sie als ‚Experten‘,
als Dolmetscher überflüssig geworden sind.“51
Die üble Nachrede der Presse, dass Helnwein ein „illustrer illustrierender
Scharlatan “ sei, ein „Blut- und Narben-Maler“ und der „Gruselspezialist“ schlecht
hin, soll einen also nicht länger
wundern. Eins steht fest: Helnwein ist und bleibt ein makelloser Provokateur.
2.2 Biographie:
2.2.1 Zwischen Himmel und Hölle
Kindheit und Jugend:
Gottfried Helnwein wurde am 08. Oktober 1948 in Wien Favoriten geboren. Er
war eines von vier
Kindern und wuchs im Wien der Nachkriegszeit auf. Das Wohnhaus stand in einem
traditionellen
Arbeitsbezirk, damals ein Teil der sowjetischen Besatzungszone. Helnweins Kindheit
fand, so sagt
der Künstler selbst, in zwei Welten statt, Himmel und Hölle.52
„Ich bin in zwei völlig gegensätzlichen Welten aufgewachsen:
einmal im Wien der Nachkriegszeit […] Den anderen Teil meiner Kindheit
erlebte ich im Himmel, der sich damals in Niederösterreich befand, nämlich
auf dem Bauernhof meiner Grosseltern[sic!] in Kautendorf.“53
__________________
50 Vgl.: Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler als Provokateur. In: Vladimir
Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog
zur Retrospektive im Russischen Museum, St.Petersburg in 1997, Köln
1998, S. 15
51 Laupitz, John: Mit Blut im Pinsel malt er was dem Publikum gefällt. Umstrittene
Helnwein- Bilder bei „art & book“,
In: Hamburgerabendblatt Nr.11/2 W./36, 1983
52 Vgl.: Mäckler, Andreas: Die Biographie
als Gesamtkunstwerk. Die Kindheit, der Katholizismus und Donald Duck. In:
www.gottfried-helnwein-interview.com,
am 30. Dezember 2008
53 Helnwein, Gottfried: Zwischen Himmel und Hölle.
In: www.gottfried-helnwein.com/texte/helnweintexts/artikel_3104.html,
zugegriffen am 30. Dezember 2008
22
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Der Grund für die „Hölle“ in Wien war die strenge katholische
Erziehung der Eltern, Katholizismus schien das Wichtigste überhaupt
in der Familie zu sein. Helnweins Eltern besorgten sich sogar
eine Sondergenehmigung beim damaligen Erzbischof, damit ihr Sprössling
schon früher, mit fünf
statt sieben Jahren, zur Frühkommunion und Beichte gehen durfte54, „um
mein kleines Herz von
der Sünde und Unkeuschheit zu befreien.“55 Helnwein und seine
Schwestern bekamen sogar extra
Unterricht von einer Seelsorgerin. Das ganze Leben beschreibt er als kirchlich
bestimmt, es war
Katholizismus pur, der jedoch noch keine lange Tradition in der Familie hatte,
sondern durch eine
Protesthaltung Helnweins Mutter gegenüber ihren Eltern entstand. Helnweins
Mutter, die er als
sehr gelassen und nicht wirklich in seine Angelegenheiten involviert beschreibt,
war in einem sozialdemokratischen Haushalt aufgewachsen. Die Großmutter,
eine kämpferische
Sozialdemokratin,
die schon sehr früh aus der Kirche ausgetreten war. Jene Frau hat den
jungen Helnwein sehr beeindruckt und war für ihn die dominierendste
Figur in seiner Familie. Er beschreibt sie als einzige
Figur, neben Donald Duck, die nicht „gebeugt“ war. Der junge
Gottfried fand das Leben der
Großmutter, sowie das der Großeltern väterlicherseits, die
einen großen Bauernhof in ihrem Besitz
hatten, immer viel interessanter als das seiner Eltern.56 Die
Schulzeit „war
von A bis Z eine verlorene, grauenhafte Zeit.“57 Im
Rückblick
betrachtet war die Ausbildung an katholischen Instituten
eine einzige Katastrophe. Helnweins Ziel war es, so schreibt Selz, das repressive
System des Katholizismus, das auf hasserfüllter Intoleranz basiere, zu unterminieren
und zu zerstören. In dieser
Zeit entwickelte sich auch Helnweins Standpunkt, dass der Katholizismus die
Hauptquelle des
Faschismus sei.58
Doch es gab einen Lichtblick, einen Zufluchtsort, zu dem er aus der Welt
der Unterdrückung in
eine positive, für ihn wirkliche Welt flüchten konnte, nach Entenhausen
zu Donald Duck, das war
seine Religion. Diese Welt war ein krasser Gegensatz zu der Welt in der er
lebte, die er wie folgt
beschreibt:
„In meiner Erinnerung ist alles rostig und staubig.
Die Straßen
waren wie ausgestorben, nichts
bewegte sich, niemand sprach. Die wenigen Menschen, die ich sah, waren gedrungen,
unförmig, gebeugt. Ich kann mich nicht erinnern, jemals irgendjemanden singen
gehört
zu haben.
Eine Welt, die stillstand, ohne Geräusch, ohne Farbe, ohne Bewegung,
nur manchmal durchbrochen von einem klobigen Lastwagen, der, voll beladen
mit russischen Soldaten, mit Karacho durch die Straßen fuhr. Dann war
es wieder still.“59
__________________
54 Vgl.: Helnwein, Gottfried: Zwischen Himmel und Hölle. In:
www.gottfried-helnwein.com/texte/helnweintexts/artikel_3104.html, zugegriffen
am 30. Dezember 2008
55 Gottfried Helnwein in: Ebd., zugegriffen am 31. Dezember 2008
56 Vgl.: Mäckler, Andreas: Die Biographie als Gesamtkunstwerk. Die Kindheit,
der Katholizismus und Donald Duck. In:
www.gottfried-helnwein-interview.com, zugegriffen am 31. Dezember
2008
57 Gottfried Helnwein in: Ebd., zugegriffen am 31. Dezember 2008
58 Vgl.: Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler als Provokateur. In: Vladimir
Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog
zur Retrospektive im Russischen Museum, St.Petersburg in 1997, Köln
1998, S.17
59 Gottfried Helnwein in: Mäckler, Andreas: Die Biographie als Gesamtkunstwerk.
Die Kindheit, der Katholizismus und
Donald Duck. In: www.gottfried-helnwein-interview.com, zugegriffen
am 31. Dezember 2008
23
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Entenhausen jedoch war die Welt, in der sich wirklich zu Hause und verstanden
fühlte. Dieses Erlebnis kann also auch keiner besser beschreiben als er
selbst:
„Als ich das erste Heft öffnete, fühlte ich mich wie einer, der
bei einem Grubenunglück verschüttet worden war und nun nach den
Tagen der Finsternis wieder ans Tageslicht trat. Ich
blinzelte, weil sich meine Augen noch nicht an das gleißende Licht von
Entenhausen gewöhnt
hatten, und sog gierig die frische Brise, die vom Geldspeicher Dagobert Ducks
herüberwehte,
in meine staubigen Lungen. Ich war wieder daheim in einer vernünftigen Welt
[…]Und hier
traf ich auch jenen Mann, der mein Leben verändern sollte, von dem der österreichische
Poet
H. C. Artmann sagt, er sei der einzige Mensch, der uns heute noch etwas zu
sagen habe: Donald Duck.“60
Helnwein empfand, dass nach all den Jahren der Entbehrung von jeglicher
Kunst und Ästhetik, in
seinen Augen, ihn nun eine neue große Kultur umarmte. Diese Kultur,
die Welt des Walt Disneys,
habe auch seine Augen für die Augen seiner Mitmenschen geschärft.
Der Künstler eignete sich in
jenen Jahren eine Menschenkenntnis an, die ihn seither nie mehr betrogen
habe.61 Dennoch war
ihm durchaus bewusst, dass vielleicht nicht jeder diese ungebrochene Begeisterung
für Entenhausen mit ihm teile:
„Ich traf immer wieder Leute, in deren Kindheit der
Barks'sche Donald Duck wie ein Meteor
aus einem anderen Universum eingeschlagen ist - das war für mich ebenso.
Aber jemand, der
das nicht so intensiv erlebt hat, kann das vielleicht kaum nachvollziehen.“62
Die Begeisterung für Entenhausen hielt fortlaufend an und spielt auch in
seinen späteren Werken
eine tragende Rolle. Die Schulzeit blieb weiterhin ein Kampf. Die Zeit im
Gymnasium gipfelte in
einer reinen Katastrophe:
„Ich saß da wie jemand vom anderen Stern und habe nichts verstanden,
wirklich gar nichts ...
Ich verstand die Logik des Systems nicht: Prüfungen, in denen man zu
bestimmten Tagen mit
einem Griff irgendwelche Fragen beantworten mußte [sic!], die mit nichts
in meinem Leben in
Zusammenhang standen - dieses Speichern von willkürlichen Daten und dieses
Bemühen, irgendwelche Sachen auswendig herunterzusagen... Was mich am
meisten verblüfft
hat, war, daß
[sic!] alle Schüler mitgemacht haben - für die schien es etwas Natürliches
zu sein.“63
Helnwein war in dieser Zeit noch weit vom Protest entfernt, bestand aber
einfach keine Prüfungen.
Dies war jedoch mit Sicherheit kein Mangel an Intelligenz, sondern ein Mangel
an Verständnis,
sinnlose Sachen auswendig zu lernen. Nicht einmal der Kunstunterricht konnte
in dieser Zeit Abhilfe leisten, denn er war ebenso einschläfernd wie der
Rest. Sein einziges Sehnen und Streben galt
allein dem Malen. Aber nicht das, was die Professoren von ihm verlangten,
sondern Comics.
__________________
60 Mäckler, Andreas: Die Biographie als Gesamtkunstwerk. Die Kindheit,
der Katholizismus und Donald Duck. In:
www.gottfried-helnwein-interview.com, zugegriffen am 31. Dezember
2008
61 Vgl.: Ebd., zugegriffen am 31. Dezember 2008
62 Gottfried Helnwein in: Ebd., zugegriffen am 31. Dezember 2008
63 Gottfried Helnwein in: Ebd., zugegriffen am 31. Dezember 2008
24
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2.2.2 Enfant terrible
Studium:
Helnwein verließ in Jahr 1965 die Schule und wechselte auf die Höhere
Graphische Bundes- Lehr-und Versuchsanstalt Wien. Die Ausbildung erwies sich
jedoch, entgegen seinen Erwartungen, als
traditionell und konformistisch. Helnwein hatte nun den nötigen Mut
zusammen gefasst und er
verlieh seiner Auflehnung gegen die Einschränkung, die auch hier stattfand,
in Form eines Hitler-gemäldes Ausdruck. Mit einer Rasierklinge verletzte
sich der Künstler
selbst und malte mit seinem
eigenen Blut ein Bild von Hitler.64
„Es war ein Protest gegen all diese Normen, Regeln
und diesen Schwachsinn um mich herum.
Ich fand die Schule ekelerregend, von Anfang an. Unerträglich. Ich war
aber weit davon entfernt, offen zu rebellieren, denn ich merkte: Die sind in
jeder Hinsicht einfach stärker und mir überlegen; aber es wurde für
mich eine lebenswichtige Idee, sich nie von denen brechen zu lassen. Das heißt:
Meine ganze Haltung bestand nur aus Haß [sic!] allen
Autoritäten gegenüber,
und ich war total subversiv. Meine Idee war, zu sabotieren, kaputtzumachen,
zu zerstören.“65
Die Schulverwaltung, wie zu erwarten, war entsetzt und infolge dessen wurde
Helnwein wenig
später der Schule verwiesen. Für den Künstler jedoch war dies
ein prägendes Ereignis und er begriff zum ersten Mal die Wirkungskraft
eines Bildes sowie die Emotionen und Reaktionen die man
damit erzeugen kann. Dies ist auch das Ziel seiner späteren Werke, etwas
im Betrachter bewegen
und ihn aktiv an der Kunst teilhaben lassen. Die rebellische Haltung blieb
dem jungen Helnwein, er
lehnte schon im frühen Alter die künstlerische Tradition der bürgerlichen
Gesellschaft ab, glaubte
an die primitive Kraft der Trivialkunst und sah jene als kontra- ästhetisches
Konzept.
Dennoch fasste er den Entschluss an der Wiener Akademie der Bildenden Künste
zu studieren, dort
glaubte er unabhängig und frei arbeiten zu können. Er hatte von Rudolf
Hausner, dem ältesten Mitglied des Phantastischen Realismus, die Hauptströmung
der Nachkriegszeit- Kunst in Wien, gehört
und wollte einer seiner Schüler werden, um seine eigene Kunst zu entfalten.66
Um die Zulassung zu erreichen, reichte Gottfried Helnwein 1969 das Gemälde
Ostwetter ein.
Dieses Bild lehnte sich an die blutigen Märtyrerszenen, die dem Künstler
aus seiner Kindheit noch
in Erinnerung geblieben waren, an. Rudolf Hausner lobte die Arbeit sehr und
Helnwein wurde daraufhin sofort in seine Klasse aufgenommen.
Hausner war damals der einzige Professor an der Akademie, der kein abstrakter
Maler war und der
seinen Schülern absolute Freiheit ließ. In seinem Buch Ich
Adam meint er:
„Nichts verfälscht den Vorgang ärger als der Versuch, in die
Anliegen des Schülers die des
Lehrers zu projizieren. Da ich mich durch meine Arbeit in einer Art permanenter
Selbstanalyse
__________________
64 Vgl.: Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler als Provokateur. In: Vladimir
Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog
zur Retrospektive im Russischen Museum, St.Petersburg in 1997, Köln
1998, S.17
65 Gottfried Helnwein in: Mäckler, Andreas:
Die Biographie als Gesamtkunstwerk. Die Kindheit, der Katholizismus und
Donald Duck. In: www.gottfried-helnwein-interview.com, zugegriffen
am 31.Dezember 2008
66 Vgl.: Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler als Provokateur. In: Vladimir
Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog
zur Retrospektive im Russischen Museum, St.Petersburg in 1997, Köln
1998, S.17
25
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befinde, neige ich dazu, mich mit dem Schüler zu verwechseln. Daher rede
ich mit ihm nie über
meine Arbeit. Das Arbeitsverhältnis ist ausschließlich durch die
speziellen Konditionen des
Schülers bestimmt – ich arbeite mit ihm an nichts anderem als
an seiner Entwicklung zu sich
selbst.“67
Nun konnte Helnwein zum ersten Mal tun und lassen was er wollte. Das Gefühl
und die Auflehnung gegen Autoritätspersonen wurde er aber nicht los. Denn
auch an der Akademie herrschte eine
stark autoritäre Atmosphäre, die durch die hierarchische Organisation
der Kunstuniversität erzeugt
wurde. Zu dieser Zeit, diese Meinung vertritt zumindest Peter Selz, müsse
Helnwein schon auf die Studenten-proteste, die überall auf der Welt erfolgten,
sowie auf die skurrilen Taten der Wiener
Aktionisten , aufmerksam geworden sein.
Vom Zeitgeist aufgerüttelt suchten nun auch Helnwein und einige Freunde
nach Selbstbestätigung
und organisierten eine sorgfältig geplante „Anarchistenaktion“.
Der Aufstand war gegen das antiquierte Aufnahmeverfahren der Akademie gerichtet,
die jungen Studenten setzten Feuerlöscher,
Stinkbomben und dicke Rauchschwaden ein, um ihre Missbilligung gegenüber
dem System Ausdruck zu verleihen.
Dabei verbrannten Türen, Fenster wurden eingeworfen aber verletzt wurde
dabei niemand. Die
daraus resultierende Panik brachte jedoch den Studentenprotest an die Öffentlichkeit,
so Selz. 68
Als Ausdruck seines anhaltenden Protests gegen das Establishment, malt Helnwein
weitere Hitler
Porträts und zeigt sie gemeinsam mit anderen frühen Aquarellen
bei Studentenausstellungen. Seine
Absicht war Österreich an seine jüngste Vergangenheit zu erinnern
und das komplizenhafte
Schweigen über die Nazizeit zu brechen. Dabei erntete er einen großen
Erfolg und Bewunderung
bei seinem Publikum. Im Jahr 1973 schloss Helnwein sein Studium an der Akademie
ab und wurde
zuvor, im Jahr 1970, mit dem Meisterschulpreis ausgezeichnet.69
2.2.3 Die Wiener Haberer
Helnwein zeigte nie besonderes Interesse für die Kunstszene und ihre
Geschichte, in seiner Kindheit und Jugend hatte er nie ein Kunstbuch oder eine
Kunstzeitschrift gelesen, ganz zu Schweigen
davon ein Museum oder eine Ausstellung besucht. Er nahm auch keine Notiz von
den aktuellen
Ereignissen die in der unmittelbaren Umgebung stattfanden, da er sich aus seiner
rebellischen Haltung gegenüber der traditionellen Kunst, so Selz, von
der Kunstwelt isoliert habe.70
Eine der Hauptströmungen der Nachkriegszeitkunst in Wien war der Phantastische
Realismus.
Rudolf Hausner war das älteste Mitglied dieser Schule, die er gemeinsam
mit Arik Brauer, Ernst
Fuchs, Wolfgang Hutter und Anton Lehmden aufbaute. Die Künstler fanden
die Substanz ihrer
Kunst in Träumen, der Vorstellungskraft und der Phantasie. Die meisten dieser
Künstler waren
__________________
67 Hausner, Rudolf: Ich Adam. München, 1987, S.113
68 Vgl.: Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler
als Provokateur. In: Vladimir Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog
zur Retrospektive im Russischen Museum, St.Petersburg in 1997, Köln
1998, S. 22
69 Vgl.: Ebd., S. 22 und S. 414
70 Vlg.: Ebd., S. 20
26
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Studenten von Albert Paris Gütersloh an der Wiener Akademie und widmeten
sich dem Werk von
Albrecht Altdorvers und anderen Renaissancemeistern. Die Künstler bewunderten
persische Miniaturen und verspürten einen starken Einfluss der Surreallisten.
Eine noch größere Affinität jedoch
hegten sie zu den Malern des Symbolismus der Jahrhundertwende und entdeckten
damit ihre eigene persönliche Symbolsprache. Anfang der 60er –Jahre
erlangte die Künstlergruppe auch internationale Anerkennung.71
Zu dieser Zeit wurden aber vor allem die Repräsentanten des Tachismus,
die dominierende Strömung an der Akademie, unterstützt. Einer dieser
geförderten Studenten
war der junge, von Helnwein hochgeschätzte Arnulf Rainer, dessen Einfluss
auf Helnweins Werke auch sichtbar ist. Rainer
unterhielt zur selben Zeit eine Verbindung zu jener Gruppe, die als Wiener
Aktionisten bekannt
wurde. Eine Kunstrichtung, die mit Günter Brus, Hermann Nitsch, Otto Mühl
und Rudolf
Schwarzkogler entstand. Die jungen Künstler empfanden die Werke des
Tachismus oder des Action painting als Aufforderung zu Live- Aktionen. Diese Überzeugung
teilten sie mit anderen
Künstlern auf der ganzen Welt, mit Mathieu und Klein in Europa, Gutani
in Japan und in den USA
die Happening und Performance Künstler.72
Kristine Stiles hat in der Meinung des Autors Peter Selz die auf Konfrontation
gerichteten und
kathartischen Aspekte dieser Arbeiten, treffend beschrieben: „Eine
systematisch verletzende repressive Sexualmoral, scheinheilig religiöse
Werte, die offene Zerstörung
des Krieges und die verdeckten physische und psychische Gewalt in der Familie,
sie alle provozierten auf Auseinendersetzung gerichtete oft sadomasochistische
und frauenfeindliche Aktionen, die Schmerz als einen kathartischen Beitrag
zur Heilung zu visualisieren versuchen. Skandalös
in Form und Inhalt, zog ihre
Kunst immer wieder Verhaftungen, Geldbußen und Gefängnisstrafen
nach sich.“73
Meiner Meinung nach ist diese Beschreibung auch sehr zutreffend und passend
für
die Ereignisse,
die sich zu dieser Zeit zugetragen haben. Eine interessante Tatsache ist,
dass Rudolf Schwarzkogler, eines der ersten Mitglieder, ebenfalls bandagierte
Gestalten in seinen Kastrations- und Heilungsaktionen, so nennt sie Selz, einsetzt.74
Anfang der 70er beginnt nun auch Helnwein mit seinen ersten Aktionen die in
den Bereich Kunsttheater einzuordnen sind. Aktionskunst gehört auch zur
modernistischen Tradition, die unter dem
Leitspruch: Kunst als Ausdruck des Missbilligung des Systems fungiert. Jenes
Kunsttheater geht
auf futuristische Szenographie, Dadaisten- Veranstaltungen zurück und weist Ähnlichkeiten
mit
den Performances aus den 60er Jahren auf. Dennoch ist Helnweins Aktionskunst
und Werk anders
als jene der Wiener Aktionisten. Im Großteil seiner Werke standen Kinder,
bandagiert, verletzt und
durchbohrt von chirurgischen Instrumenten, im Mittelpunkt. Helnwein jedoch
benützt
den Kinder-
__________________
71 Vgl.: Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler als Provokateur. In: Vladimir
Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog
zur Retrospektive im Russischen Museum, St. Petersburg in 1997, Köln
1998, S.18
72 Vgl.:Ebd., S.18f
73 Kristine Stiles in: Ebd., S.19
74 Vgl.: Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler als Provokateur. In: Vladimir
Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog
zur Retrospektive im Russischen Museum, St. Petersburg in 1997, Köln
1998, S.19
27
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körper nicht, der Meinung ist Selz, als ästhetisches oder anti-ästhestisches
Objekt oder als Bestandteil physisch-sexueller Zurschaustellung.75 Er
wolle vielmehr ein Gefühl
der Empörung gegen die
verabscheuungswürdige und allgemein tolerierte Behandlung von Kindern
als wehrlose Opfer
provozieren.“76, so Peter Selz.
2.2.4 Zwischen zwei Kontinenten:
Helnwein, der zu den wahrscheinlich bekanntesten aber auch umstrittensten österreichischen
Künstlern der letzten Jahre zählt, feierte im Herbst letzten Jahres
seinen sechzigsten Geburtstag.
„Ich bin immer ein Einzelgänger gewesen. Für mich war es am wichtigsten,
unabhängig zu
sein. Ich bin ständig unterwegs gewesen und habe mich nie wirklich irgendwo
zu Hause gefühlt, habe nie das Gefühl von Heimat gehabt.“77
Dies ist möglicherweise die Erklärung für Helnweins häufige
Umzüge, mit seiner Geburtsstadt
Wien fühlte er sich nie wirklich verbunden, es war sein Ziel die Stadt möglichst
bald zu verlassen.
„Ich wollte weg von Österreich solange ich denken konnte, aber wenn
ich Österreich sage,
meine ich Wien, denn das ist das einzige, was ich davon kannte.“78
Sein ganzes Leben verspürte er die Sehnsucht nach einer anderen Welt
und als er die Welt von
Walt Disney entdeckt hatte, schien es, als habe er sie gefunden. Er fühlte
also eine starke Verbindung zu Entenhausen, Blues, Rock‘ n‘ Roll
und Elvis, aber vor allem eine Sehnsucht zu dem Ursprung, aus dem all die schönen
Dinge kamen: Amerika. Der Weg dorthin führte
den Künstler jedoch über weite Umwege durch Europa. Der erste Umweg
und Zwischenstopp, führte im Jahr 1985
von Wien nach Köln. Die Stadt empfand er damals als die interessanteste
in ganz Deutschland. Der
Ortswechsel steht mit einem künstlerischen Neubeginn in Zusammenhang,
da er sich nun der Arbeit von großformatigen, mehrteiligen Bildern zuwandte
und seine ganze Arbeitsweise komplett änderte. Die Zeit in Deutschland
beschreibt er selbst als eine gute Schaffensperiode, die er in seinem Atelier
umgeben von seiner Familie, seinen Kindern und Freunden verbrachte. Es war
stets ein
volles Haus, überflutet von spielenden Kindern und Familienmitgliedern.79
„Irgendwann verlor ich den Überblick und genoss
das barocke Chaos und das Toben und
Kreischen der stetig wachsenden Kinderschar. Ich bin wahrscheinlich im Grunde
meines Herzens ein Italienischer Renaissance- Mensch, denn ich kann am besten
arbeiten, wenn ich von
__________________
75 Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler als Provokateur. In: Vladimir Gusev
(Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog zur
Retrospektive im Russischen Museum, St. Petersburg in 1997, Köln 1998,
S. 23
76 Selz, Peter. In: Ebd., S.23
77 Helnwein, Gottfried in: Sorge, Helmut: Gespräch
mit Gottfried Helnwein Über
das Leben in Los Angeles. In:
www.helnwein.org/werke/photo/group4/article3016.html,
zugegriffen am 06. Jänner 2009
78 Gottfried Helnwein in Nedoma, Peter: PETER NEDOMA, DIREKTOR DER GALERIE RUDOLFINUM
IN PRAG,
SPRICHT MIT GOTTFRIED HELNWEIN. In: www.gottfried-helnwein.at/presse/interviews/artikel_3496.html,
zugegriffen am 09. Jänner 2009
79 Vgl.: Sorge, Helmut: Gespräch mit Gottfried
Helnwein – Über
das Leben in Los Angeles-. In: www.helnwein.org/werke/photo/group4/article3016.html,
zugegriffen am 06. Jänner 2009
28
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einer großen [sic!], lauten Familien- und Freundesschar umgeben bin
und deren Stimmen und Geräusche in mein Atelier dringen.“80
Dennoch wurde das Schloss in der deutschen Provinz allmählich zu eng für
die Familie und auch
ein wenig zu „deutsch“, wie Helnwein selbst sagt. Eine neue Sehnsucht
nach Italien entflammte in
seinem Herzen. Daraufhin zog die Familie ein zweites Mal um, in einen der
angeblich schönsten
Orte der Welt, im Süden Italiens, zwischen Rom und Nepal gelegen. Gottfried
Helnwein war sich
nicht sicher, jemals wieder einen Ort zu finden, der näher am Paradies
liegen würde. Trotzdem war
aber dieser Ort nicht der richtige für seine Tätigkeit als Künstler,
vielleicht weil er zu perfekt war,
zu paradiesisch um sich mit den belastenden Themen seiner Arbeit - Hass,
Gewalt und Leid - auseinander setzen zu können. Helnwein erkannte, dass
er seine Arbeit hier nicht weiterführen könne,
da die Zustände auf ihre Art buchstäblich zu ideal wären.
Schweren Herzens verabschiedete er sich
von Süditalien und zu diesem Zeitpunkt war ihm schon mehr als klar,
dass sein Weg letztendlich
nach Amerika führen würde. Da er sich allerdings als zutiefst europäisch
empfand bzw. empfindet,
war es ihm ein großes Anliegen, unbedingt einen europäischen Stützpunkt
zu haben, um mit dem
Kontinent in Verbindung zu bleiben.
Nach einem zweiwöchigen Urlaub im grünen Paradies Irland hatten
sich er sowie seine Familie in
die Insel verliebt. Zum ersten Mal empfand nun auch Helnwein eine Art Heimatgefühl,
was ihm
völlig absurd erschien, da er ja keinerlei irische Wurzeln hatte. Die völlig
intuitive Entscheidung
sich in Irland nieder zu lassen, sei dennoch eine der besten die er in seinem
Leben getroffen habe.
Irland empfand er als den idealen Wohnort. Er bezeichnet es als das freieste
Land der westlichen
Welt, keiner scheint sich wirklich darum zu kümmern was man macht, es
gibt kein Misstrauen und
Neid.
Er erkannte, dass Heimat für ihn etwas rein Geistiges ist: Ein Ort an dem
bestimmte ästhetische
Qualitäten existieren, wo man auf bestimmte kulturelle Traditionen trifft,
die einem vertraut sind.81
Als Gegenstück zur grünen Insel brauchte er jedoch eine weitere Inspirationsquelle
für seine Arbeit. Die Wahl viel auf: Los Angeles, die Stadt der Engel?
Oder doch nicht?
Optisch gesehen fühlte sich Helnwein in der Metropole ein wenig in seine
Kindheit, nach Entenhausen versetzt: Die vielen Häuser, die Skyline, die
Straßenlaternen,
die Parks und die „Cops“
wiesen doch alle eine gewaltige Ähnlichkeit mit Donald Duck auf. In
L.A. gibt es, um im Disney-
jargon zu bleiben, natürlich auch Tausende wie Onkel Dagobert, mit einem
riesigen Geldspeicher.
Traurigerweise muss Helnwein jedoch erkennen, dass die Großstadt auch
eine Schattenseite hat,
die von Korruption, Kriminalität, Armut, Isolation und Anonymität geprägt
ist. Eine Seite die man
__________________
80 Helnwein, Gottfried in: Sorge, Helmut: Gespräch
mit Gottfried Helnwein - Über
das Leben in Los Angeles-. In: www.helnwein.org/werke/photo/group4/article3016.html,
zugegriffen am 06. Jänner.2009
81 Vgl.: Sorge, Helmut: Gespräch mit Gottfried Helnwein - Über das
Leben in Los Angeles-. In: www.helnwein.org/werke/photo/group4/article3016.html,
zugegriffen am 06. Jänner 2009
29
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aus Entenhausen nicht kennt. Aber genau diese ist unheimlich wichtig für
Helnweins Arbeit und
scheint eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration zu sein:82
„Meine Arbeit wird in erster Linie durch den Verfall der menschlichen
Gesellschaft inspiriert
die Dekadenz des urbanen Lebens, dem sogenannten Untergang des Abendlandes.
Das ist mein
Thema.[Hervorhebung durch die Verfasserin] Deswegen ist Los Angeles, für
mich auch der
ideale Ort für mein Arbeit. Die Stadt ist wie eine offene Wunde. Ich
habe den Eindruck, dass
man hier den augenblicklichen, tatsächlichen Zustand der westlichen
Welt klarer sehen kann,
als sonst irgendwo. Aus irgendeinem Grund versucht hier gar niemand dieses
Chaos zu regulieren oder irgendetwas an der Situation zu kaschieren.“83
Helnwein war dennoch zuerst bekümmert ob die Kunst, wie er sie betrieb
hier anerkannt werden
würde. An einem Ort wo der Kapitalismus triumphiert und ihm keine Grenzen
gesetzt sind. Wo
Unternehmensrecht längst über Menscherecht steht und Konsum längst über
Kultur. Im Bewusstsein der Politiker und der Medien scheint Kultur lediglich
ein Störfaktor
zu sein.!Hochtechnologie,
National Security, Kontrolle, Atomenergie, Erdöl, Aktienmärkte,
pharmazeutische und chemische
Industrie – das sind die Werte, um die es hier geht. In Schulen wurde
der Kunstunterricht gestrichen, wer braucht ihn schon, sogar der Geschichtsunterricht
fehlt im Stundenplan. Ob seine Kunst
in dieser Welt der special effects und des industriellen Massen- Entertainment überhaupt
noch eine
Funktion haben würde, war für den Künstler äußerst
fragwürdig. Seine Zweifel und Bedenken waren jedoch unberechtigt. Die
Ausstellung „The Child“ im San Francisco
Fine Art Museum, 2004,
wurde von 130. 000 Besuchern besichtigt. Die Reaktionen und die Begeisterung
für seine Arbeit
waren überwältigend, das hatte er zuvor noch nie erlebt.84
„Menschen aller Altersstufen kamen auf mich zu, umarmten
mich spontan und dankten mir.
Einige hatten Tränen in den Augen, und sagten mir, wie wichtig sie es fänden,
dass ich diese
Bilder gerade jetzt und hier zeigte. Ich habe nie zuvor eine so große
emotionale Reaktion auf
meine Arbeit bekommen wie an der Westküste der USA.“85
Helnwein ist sich durchaus bewusst, dass seine Arbeit nicht leicht anzunehmen
ist, vor allem nicht
für Amerikaner, deren Kunst sich aus einer puritanisch- protestantischen
Tradition entwickelte, so
der Künstler. Sie könnten also folglich weniger gut mit provokativen
Bildern umgehen als etwa ein
Betrachter der barocken österreichischen Tradition, wo Künstler
nahezu jede Schweinerei dargestellt hätten, so Helnwein. Die Reaktionen
der Besucher erklärt sich
der Künstler mit einem großen
Hunger und Sehnsucht der Bevölkerung nach Kunst. Für Helnwein ist
das ein Beweis, dass Kunst
elementar ist, ebenso wie das Bedürfnis nach Religion oder Philosophie.86
__________________
82 Vgl.: Sorge, Helmut: Gespräch mit Gottfried Helnwein - Über das
Leben in Los Angeles-. In:
www.helnwein.org/werke/photo/group4/article3016.html, zugegriffen
am 06. Jänner 2009
83 Helnwein, Gottfried in: Sorge, Helmut: Gespräch mit Gottfried Helnwein – Über
das Leben in Los Angeles. In:
www.helnwein.org/werke/photo/group4/article3016.html, zugegriffen
am 06. Jänner 2009
84 Vgl.: Ebd., zugegriffen am 06. Jänner 2009
85 Helnwein, Gottfried in: Ebd., zugegriffen am 06. Jänner 2009
86 Vgl.: Ebd., zugegriffen am 06. Jänner 2009
30
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Helnwein pendelt nun zwischen Irland und L.A. und meint in einem Interview,
er sei froh, in beiden Welten jeweils in den besten Orten leben und arbeiten
zu können.
Derzeit arbeitet Gottfried Helnwein an einer neuen Oper, die 2009 /10 in der
Israeli-Opera in Tel
Aviv uraufgeführt werden soll. Sie heißt: "The Child Dreams" nach
einem Theaterstück von Hanoch Lewin, dem bedeutendsten israelischen Dramatiker
des 20ten Jahrhunderts.
„Die Entdeckung dieses Textes war ein Schock und
eine Epiphanie für
mich, denn noch nie war
die künstlerische Arbeit eines anderen so nah an meinen eigenen innersten
Bildern. Es ist als
hätte er dieses Stück ausschliesslich [sic!] all den Kindern gewidmet,
die bisher in meinem
Werk aufgetaucht sind - und all jenen, die noch kommen werden.“87
2.3 Werke:
2.3.1 Selbstbildnisse:
Gottfried Helnwein sieht sich selbst als Opfer aber auch als Märtyrer
des Systems. Diesem Gefühl
verleiht er in seinen zahlreichen Selbstbildnissen Ausdruck. 1970 begann
er eine fortlaufende Reihe, wofür er sich selbst fotografierte und malte.
Einige dieser Bildnisse erscheinen in Lebensgröße,
auf ihnen befindet sich stets der schreiende, mit verbundenem Kopf und von
chirurgischen Instrumenten durchbohrte Künstler. Oft erschweren diese
Verunstaltungen des Gesichtes das „Opfer“ als
die Person Helnwein zu identifizieren.
Peter Selz beschreibt die Erscheinung des Künstlers als einen schreienden
Mann der die furchterregende Seiten des Lebens widerspiegelt, als eine Leidensgestalt
des 20. Jahrhunderts. Das Schreien,
so scheint es, drückt die Verzweiflung und den Schmerz einer Generation
aus.
Dieser Schrei (Abb. 3) erinnert an Munchs
Der Schrei (Abb. 4) und weist gewisseÄhnlichkeiten mit Helnweins Selbstporträt
auf. Der Schrei in Helnweins Bildern ist
jedoch so durchdringend, dass man ihn
nicht nur sehen kann sondern es scheint,
als könne man ihn auch direkt hören.88
Einige von Helnweins Grimassen, meint
Selz in weitere Folge, würden an die grotesken und wilden Verrenkungen des
exzentrischen Wiener Bildhauers Franz Xaver Messerschmidt, dem sich Helnwein
sehr verbunden fühlt, erinnern. Jene Skulpturen
stammen aus dem 18.
Jahrhundert und waren höchstwahrscheinlich ebenfalls Selbstbildnisse.89
__________________
87 Gottfried Helnwein in: Nedoma, Peter: PETER NEDOMA, DIREKTOR DER GALERIE
RUDOLFINUM IN PRAG,
SPRICHT MIT GOTTFRIED HELNWEIN. In: www.gottfried-helnwein.at/presse/interviews/artikel_3496.html,
zugegriffen am 09. Jänner 2009
88 Vgl.: Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler als Provokateur. In: Vladimir
Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog
zur Retrospektive im Russischen Museum, St. Petersburg in 1997, Köln
1998, S. 26
89 Vgl.: Ebd., S. 26
31
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Abbildung 4
Abbildung 3
Betrachtet man die beiden Werke
bemerkt man in der Tat einige
Parallelen. Helnwein lasse sich, diese
Meinung vertritt zumindest der Autor
Peter Selz, mit seinen Selbstporträts, in
die ikongraphische Tradition, die auch
in den expressionistischen Werken
Oskar Kokoschkas, in den Werken
Egon Schieles und auch häufig in denübertriebenen wilden Face Farces
von Arnulf Rainer zu finden ist, einreihen90
Helnwein erzählt 2006 in einem Interview in Los Angeles, dass er diese Österreichische
Tradition
durchaus schätzt und sich auch damit verbunden fühlt, jedoch bevorzugt,
nicht mehr dort zu leben
„Durch die zeitliche und räumliche Distanz fiel es mir auch leichter
die Qualitäten Österreichs
zu erkennen, und vor allem die seiner grossen [sic!] kulturellen Vergangenheit.
Mir ist auch
klar geworden, dass meine eigene Arbeit zutiefst in dieser Tradition verwurzelt
ist. Mit ihr fühle
ich mich verbunden, mit Kafka, Schiele, Franz Xaver Messerschmidt, Rainer,
Kubin, Deix,
Mahler, Schubert, Haydn und Mozart, mit Künstlern wie Joseph Roth, H.C.
Artmann, Wolfgang
Bauer, Elfriede Jelinek.“91
Das früheste Selbstporträt von Helnwein ist eine Fotografie
aus dem Jahr 1970, die als Vorlage für spätere Werke dient.
Davon entsteht eine Serie von mannigfaltiger Abwandlungen,
die oft als Motive für Zeitschriftencovers und Posters dienen.
In den 80er und 90er Jahren verwendet der Künstler sie in
seinen Tryptichen, die eine doppeldeutige Botschaft
beinhalten (Vgl.: Seite 43 Tryptichon Eismeer). 92
Die Serie von Selbstbildnissen Der Untermensch (Abb. 6)
nimmt Bezug auf Rassentheorie und Praktiken in der Nazizeit.
Helnwein kreierte davon zahlreiche Variationen in denen er
als blutüberströmter Märtyrer, als Nazi Offizier, romantischer
Held, Krieger, Panzerkommandant, Mumie, Guerilla- Kämpfer, Nachtwanderer
und verborgener
Zeuge erscheint.
__________________
90 Vgl.: Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler als Provokateur. In: Vladimir
Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog
zur Retrospektive im Russischen Museum, St. Petersburg in 1997, Köln
1998, S. 26
91 Gottfried Helnwein in: Sorge, Helmut: Gespräch mit Gottfried Helnwein – Über
das Leben in Los Angeles. In:
www.helnwein.org/werke/photo/group4/article3016.html, zugegriffen
am 02. Jänner 2009
92 Vgl.: Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler als Provokateur. In: Vladimir
Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog
zur Retrospektive im Russischen Museum, St. Petersburg in 1997, Köln
1998, S 30
32
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2.3.2 Zeichnungen und Aquarelle:
Gegen Ende seiner Akademieausbildung in Wien beschäftigt sich der Künstler
mehr mit Zeichnungen, vor allem Federzeichnungen. Dies sind oft Karikaturen
und zeigen lustige, clownartige Figuren mit drolligen Nasen und lustiger Bekleidung.
Beispiele dafür sind
die Werke Knaben; Der Eingriff; Ich und Du. Hier wird vor allem der Comic als
Inspirationsquelle für
Helnweins Arbeiten
deutlich sichtbar.
Dann ist ein bedeutender Wandel in seiner Arbeit zu bemerken. Ab 1975 beginnt
Helnwein mit der
Arbeit an einer Serie von außergewöhnlichen Zeichnungen, die,
so behauptet Peter Selz, seine Kalligraphie begründen sollen.93 Selz beschreibt
die neuen Bilder und ihre Entstehung wie folgt:
„Haarfeine Linien bilden dornige Dickichte auf dem
Papier. Die unzähligen
Bleistiftstriche, die auf transparentes und/oder weiches Papier gezeichnet,
gekratzt und manchmal geschrammt sind, weder zu spinnnwebenähnlichen Netzwerken.
Diese Technik ähnelt häufig
sorgfältig ausgeführten
Radierungen. Die harten und spröden Striche lassen dramatische Lichteffekte
entstehen. In einigen
dieser visionären Zeichnungen scheint die Lichtquelle eine Person oder
Objekt zu sein.“94
Die Zeichnungen lenken die Aufmerksamkeit des Betrachters im Allgemeinen
stärker
auf die Technik der Ausführung, als auf das Gemälde selbst. Selten
beschäftigt
sich ein Künstler so sorgfältig
mit dem Prozess der Strukturierens und Restrukturierens so augenauffällig
wie Helnwein. Das Ergebnis seiner Arbeit ist eine mysteriöse Werkgruppe,
die Menschen bei seltsamen Tätigkeiten
__________________
93 Vgl.: Selz, Peter: Helnwein:
Der Künstler als Provokateur. In: Vladimir
Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog
zur Retrospektive im Russischen Museum, St. Petersburg in 1997, Köln
1998, S.31
94 Selz, Peter in: Helnwein: Der Künstler als Provokateur. In: Vladimir
Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog zur
Retrospektive im Russischen Museum, St. Petersburg in 1997, Köln 1998,
S.31
33
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zeigt, die sich in leeren rechteckigen Räumen befinden. Dabei sind viele
dieser Gestalten mit seltsamen Gegenständen ausgerüstet. Einige von
ihnen tragen sogar Masken oder Verbände, die ihre
Gesichter verhüllen und möglicherweise vor dem Erkanntwerden schützen.
Auffallend sind Rohre
und Gruben in die jene Gestalten drohen hinein zu fallen oder schon hinein
gefallen sind. Über all
diesen beängstigenden Schauplätzen liegt ein sonderbares, mysteriöses
Licht, dass die Figuren
beleuchtet oder aber auch verdeckt.
Die Zeichnungen erscheinen laut Peter Selz auf den ersten Blick kaum merkwürdig, ich teile diese Meinung. Erst bei längerer Betrachtung erschließt sich aus den dargestellten Vorgängen die Bildaussage, die jedoch meiner Meinung nach nicht immer leicht zu definieren ist, sondern viel Spielraum für persönliche, individuelle Interpretation lässt. Diese Zeichnungen können daher vieldeutig sein und sind, ebenso wie die surrealistische Kunst, nicht den Regeln der Logik unterworfen. Diese Bilder stellen Alpträume und Träume, sowie Gefahren, Ängste und Bedrohungen dar, die dem einen oder anderen Betrachter mit Sicherheit vertraut sind.95
So ist der Künstler selbst von der Wichtigkeit der aktiven Erfahrung
des Betrachters mit dem
Kunstwerk überzeugt und meint: „Ein Kunstwerk
ist so gut oder schlecht wie die Reaktion darauf.“96
Der Autor Peter Gorsen sieht Helnwein als einen Meister auf diesem Gebiet. Aber nicht nur im Provozieren von Reaktionen, sondern im „Ambivalent machen und offen halten des Bildes für ein möglichst breites, häufig sich widersprechendes demokratisches Deutungsspektrum“97.
Helnwein gibt daher ungern rationale Bildlegenden und eindeutige Erklärungen
zu seinen Bildern. Dies macht seinen Werke auch so unheimlich interessant und
schafft somit individuelle Zugänge und Bedeutungen. Gorsen meint „derlei ‚Kunsthypothesen’ und ‚Reiserouten
für Köpf und Herz’
greifen meist dem Betrachter vor und bestärken ihn in seiner passiven
Konsumhaltung.“98
So erklärt sich auch Gorsen Helnweins Vorliebe
für absurde und vage Bildtitel seiner Federzeichnungen und Aquarelle.
Der Betrachter muss also selbst aktiv werden, sich
mit dem Werk auseinandersetzen. Ziel von
Helnweins Kunstwerken ist daher die Selbsterfahrung des Betrachters.
Es ist also nicht verwunderlich, dass Helnwein
1979 die deutsche Ausgabe von Edgar Allan Poes „Unheimliche
Geschichten“ illustriert.
__________________
95 Vgl.: Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler
als Provokateur. In: Vladimir Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog
zur Retrospektive im Russischen Museum, St. Petersburg in 1997, Köln
1998, S. 32
96 Helnwein, Gottfried in: Ebd., S. 29
97 Gorsen, Peter in: Ebd., S.29
98 Gorsen, Peter in: Ebd., S.29
Abbildung 9
34
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Peter Selz beschreibt jene Bilder folgendermaßen: „Die
herausragenden Zeichnungen mit sensiblen Schwarz- , Weis- und Grautönen
haben einen Chiarouscour99 – Effekt,
der an die Radierungen
Rembrandts erinnert. Helnweins Zeichnungen sind schwarze Essays des schwarzen
Humors und
persönlicher Satire.“100
In weiterer Folge stellt Selz eine interessante Assoziation mit dem englischen Schriftsteller W.H. Auden her, für den die Satire zugleich zornig als auch optimistisch ist, „weil sie sowohl das Böse als auch seine potentielle Inanspruchnahme postuliere“101, so Auden. Daher sind Helnweins Zeichnungen ein gleichzeitiger Eindruck von schaurigen Phantasmagorien, sowie einer möglichen Hoffnung.102
Den historische Vorstreiter dafür findet man bei Goyas „Caprichos“ (Abb.
10) in welchem der
spanische Künstler der Aufklärung „die
menschlichen Ungereimtheiten, Ungerechtigkeiten,
Dummheiten und Grausamkeiten“103, so Selz,
darstellt, in der Hoffnung die Menschen würden den
Aberglauben durch den Verstand ersetzen.104
Ein geographisch nahe liegendes Vorbild ist laut Selz, der österreichische
Künstler Alfred Kubin,
der vor allem für seine visionären und halluzinativen Zeichnungen,
die zum Teil, ebenso wie
Helnweins Bilder, von Gewalt erfüllt sind, bekannt wurde.105
__________________
99 Chiaroscuro (italienisch: „hell-dunkel“), Hell-Dunkel-Malerei. In
der Spätrenaissance und im Barock entwickeltes
Gestaltungsmittel der Grafik und Malerei; zeichnet sich durch Hell-Dunkel-
Kontrast aus sowie durch die Steigerung des
Räumlichen
100 Selz Peter in: Helnwein: Der Künstler
als Provokateur. In: Vladimir Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog
zur Retrospektive im Russischen Museum, St. Petersburg in 1997, Köln
1998, S.32
101 W.H. Auden. In: Ebd., S.32
102
Vgl.: Ebd., S.32
103
Peter Selz in: Ebd., S.32
104
Vgl.: Ebd., S.32
105
Vgl.: Ebd., S.32
Abbildung 10
Abbildung 11
35
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Eine gewisse Ähnlichkeit mit Helnweins Aktionen der frühen 70er
Jahre zeigen seine Aquarelle
wie Lebensunwertes Leben und Peinlich. Helnwein entwickelte eine ganz eigene
Aquarelltechnik
bei der er nur ein Minimum an Wasser verwendet. Er trägt die Farbe mit dem
dünnsten Pinsel auf
und schafft interessante Lichteffekte, indem er mit einer Rasierklinge über
die Farbe schabt.
Gemeines Kind (1970) ist wahrscheinlich eine der frühesten Arbeiten dieser Serie.106 Die erzeugte melancholische Stimmung ist im Großteil seiner Arbeiten zu finden, ebenso wie das Motiv des Mädchens als Opfer, das auch in zahlreichen anderen Werken - Kleine Korrektur; Peinlich und Der Eingriff - , die alle aus dem Jahr 1971 stammen wiederzufinden ist.
Ein weiteres Bild aus dieser Serie ist Sonntagskind. Ein junges, scheinbar glückliches Mädchen lächelt, streckt aber gleichzeitig frech die Zunge heraus. Es hält eine Tafel Schokolade in der Hand und steht vor einem Laden in dessen Schaufenster Lebensmittelwerbungen hängen. Ein entzückendes kleines Entenküken, das genüsslich an einem Eis schleckt. Das Bild könnte Schauplatz einer beliebigen Straßenecke sein, ähnelt aber meiner Meinung nach zunächst, vor allem auf Grund der Werbungen im Hintergrund, einem Pop-Art Gemälde. Bei genauerer Betrachtung erkennt man die Blindenbinde am linken Arm sowie Blut, das zwischen ihren Beinen herunter rinnt. Beim Versuch das Blut zu erklären sind mir zwei Antworten in den Sinn gekommen. Beim Mädchen hat eine frühzeitige Regelblutung eingesetzt oder, die schlimmere Erklärung, sie wurde möglicherweise sexuell missbraucht.
„Ich bin mir dessen bewußt [sic!], daß [sic!] auf diesem Planeten Individuen schwer mißbraucht [sic!] und malträtiert, tief verletzt und unterdrückt werden und, daß [sic!] all dies mit optimistischer Propaganda [Hervorhebung durch die Verfasserin] vertuscht wird. Lange bevor ich zu malen begann, hatte ich den Eindruck, daß [sic!] die Menschheit sich in einem schlechten Zustand befindet, daß [sic!] niemand ohne Schmerz lebt, und daß [sic!] es offensichtlich eine Sehnsucht gibt, dies zu überwinden. Speziell in meinen frühen Bildern geht es um dieses Anliegen, die dem Betrachter vor Augen gehalten werden.“
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106 Vgl.: Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler
als Provokateur. In: Vladimir Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog
zur Retrospektive im Russischen Museum, St. Petersburg in 1997, Köln
1998, S. 34
Abbildung 12
Abbildung 13
36
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2.3.3 Fotografien und Bühnenbilder:
Helnwein setzte schon zur Dokumentation seiner Straßenaktionen sowie
für
die Selbstporträts eine
Kamera ein. In den 80er Jahren wandte er sich dann voller Begeisterung der
Fotografie als Hauptmedium seiner Arbeit zu. Zeitgleich fasst er den Entschluss,
Porträtfotos
der zeitgenössischen
Hoch- und Massenkultur, der sein ungeteiltes Interesse galt, aufzunehmen.
1982 fliegt er nach London, um dort die Rolling Stones, mit denen er sich
vor allem als Jugendlicher in Wien identifiziert hatte, zu treffen. In dieser
Zeit entstanden die wahrscheinlich düstersten
Aufnahmen von Mick Jagger, dem Bandleader der Stones.107
Bereits in den frühen Jahren von Helnweins Karriere wird sein einzigartiger,
persönlicher Stil bemerkbar. Die Modelle seiner Fotos sind nicht idealisiert,
komponiert und bis ins kleinste Detail
geplant, er versucht die Menschen so zu zeigen wie sie sind, oft in schwachen
Momenten. Das
Ergebnis seiner Werke sind prägnante und ausdrucksstarke Porträts
berühmter
Personen, die meiner Meinung nach oft sehr düster und bedrohlich wirken.
Helnwein entwickelt seine Aufnahmen nicht selbst in einer Dunkelkammer und
manipuliert sie
auch nicht. Die Kamera dient lediglich als ein Instrument für eine objektive
Beobachtung.
Hier sieht man die Anlehnung Helnweins an die Fotorealisten,
die mit der Kamera ähnlich umgehen. Helnwein widmet sich
besonders den Gesichtern der Modelle, studiert sie
genauestens und versucht dabei die charakteristischen
Merkmale hervor zu heben. Die Fotografie ermöglicht
Helnwein eine neue Bildkonstruktion, die sich von seinen
bisherigen Arbeiten in der Malerei unterscheidet. Neue
Möglichkeiten in Bezug auf das visuelle Verhältnis zwischen
Künstler und Modell entstehen, der Fotograf kann also nun
problemlos gleichzeitig in die Rolle des oder eines Teilnehmers und in die
des Beobachters, schlüpfen.108
Im Jahr 1983 machte Helnwein eine herausragende Fotoserie (Abb. 14) vom berühmten
Pop-Art
Künstler Andy Warhol, vier Jahre vor dessen frühen Tod. Auch bei
diesem Porträt wird der besondere Stil Helnweins sichtbar. Die Porträts
von Warhol zeigen den jungen Mann nicht von seiner „Schokoladenseite“,
sie sind kein Abbild von Eleganz, sondern zeigen eine tragische Figur „im
Angesicht des Todes“109, so Peter Selz etwas dramatisch in seinem Essay.
Auffallend ist, dass der
__________________
107 Vgl.: Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler
als Provokateur. In: Vladimir Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog
zur Retrospektive im Russischen Museum, St. Petersburg in 1997, Köln
1998, S. 37
108 Vgl.: Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler
als Provokateur. In: Vladimir Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog
zur Retrospektive im Russischen Museum, St. Petersburg in 1997, Köln
1998, S. 37
109 Peter Selz in: Ebd., S. 40
Abbildung 14
37
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Großteil dieser Porträts in brilliantem Schwarzweiß aufgenommen
wurde, wobei das Licht in diesen Werken der Hauptbedeutungsträger ist
und die verschiedenen Stimmungen erzeugt.
Helnwein setzte seine Serie von Porträts fort und fotografierte in den nächsten Jahren eine beachtliche Zahl von Schriftstellern, darunter der österreichische Dichter H.C. Artmann, ein treuergebener Freund und Bewunderer Helnweins, der ostdeutsche Autor Heiner Müller, sowie Norman Mailer und William S. Burrough. Zu letzterem empfand Helnwein eine starke Verbindung und fotografierte den Romanautor in Kansas, wohin sich jener zurückgezogen hatte. 110
Burroughs bestand darauf seinen Revolver mitzunehmen und Helnwein porträtierte
daraufhin den
Autor mit geschlossenen Augen und finsteren Gesichtsausdruck. Dieser Gesichtsausdruck
strahlt ähnlich wie seine Werke, ein Gefühl von Horror und Grausen
aus, so Selz. Burroughs war mit dem
Werk mehr als zufrieden gewesen, und legte in der Einführung zum Katalog „Faces“ für
das Museum Ludwig in Köln (1992) dar: „Die
Funktion eines Künstlers
besteht darin, die Erfahrung seines überraschten Erkennens wachzurufen:
dem Betrachter zu zeigen was er weiß, von dem er aber
nicht weiß, dass [sic!] er es weiß. Helnwein ist ein Meister dieses überraschten
Erkennens.“111
Eines von Helnweins größten Anliegen war es „die
letzten Zeugen, die ganz nah am Zentrum der Macht waren, die diese
Katastrophe ausgelöst hat, zu fotografieren. Was mich
fasziniert, ist die Chance, jemanden zu treffen, der dabei war,
ganz oben mit dabei war, der das mit gestaltet hat.“112 Er nahm dafür Arnold Breker, Hitlers bevorzugten Bildhauer,
der für die Ästhetik im Dritten Reich verantwortlich war, auf.
Breker hatte während Hitlers Regierungszeit für monumentale
Nazi-Gebäude Bronzekolosse heroischer nackter Männer geschaffen.
„Figuren von klassischer Gestalt, die das Ideal der
Kraft und Macht des neuen reinen Deutschlands verkörperten.“113, meint Selz in seinem
Essay Helnwein: der Künstler als Provokateur.
Eine dieser Fotographien zeigt also nun den gealterten Mann, der ein Aquarell-
Porträt von Joseph
Beuys, das Helnwein 1982 gemalt hat mit einem finsteren, grimmigen Gesichtsausdruck
in den
Händen. Im Gespräch mit Breker hätte dieser stets versucht, seine
faschistischen Aktivitäten damit
__________________
110 Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler als Provokateur. In: Vladimir Gusev
(Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog zur
Retrospektive im Russischen Museum, St. Petersburg in 1997, Köln 1998,
S. 40
111 Burroughs, S.William. In: Nachwort Ausstellungskatalog. Face it 2006, S.
278
112 Helnwein, Gottfried. In: Mäckler, Andreas:
Die Biographie als Gesamtkunstwerk. Die Kindheit, der Katholizismus
und Donald Duck. In: www.gottfried-helnwein-interview.com/maeckler/seite01.html.,
am 04. Jänner 2009
113 Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler
als Provokateur. In: Vladimir Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog
zur Retrospektive im Russischen Museum, St. Petersburg in 1997, Köln 1998,
S. 41
Abbildung 15
38
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zu rechtfertigen, dass er ebenso wie die Renaissancekünstler im Auftrag
der Machthaber gearbeitet
hätte und lediglich Befehle ausgeführt habe. „Das
Problem mit Breker war, dass [sic!] er im Grunde die Einstellung eines Renaissance-Künstlers
oder eines Künstlers der Antike hatte. Auch diese haben ihre
Aufträge von mächtigen
Herrschern erhalten und mussten - unter optimalen Bedingungen - bombastische
Apotheosen herstellen und haben dabei noch einen Haufen Geld verdient. Glauben
Sie, dass Michelangelo oder
irgendeiner seiner Zeitgenossen sich darum gekümmert hat, welche Kriege
seine Auftraggeber
geführt haben oder wie sie mit ihren Untertanen umgegangen sind? Breker
erzählte mir, dass (sic!) Stalin Anfang der dreißiger Jahre
Interesse gehabt habe, ihn in die
Sowjetunion zu holen, um dort die offizielle Staatskunst der UdSSR zu begründen.
Molotow überbrachte Stalins Anliegen an Breker in Berlin, und der war
nach eigener Aussage sofort bereit zu
gehen. Er wurde nur in letzter Minute von Goebbels daran gehindert: "Der
Führer bittet Sie zu
bleiben. Das Deutsche Reich braucht Sie, Breker!" Das war ihm auch recht
- also blieb er halt.“114
Im Jahr 1990 gelang Helnwein ein weiterer persönlicher Erfolg mit einer
beachtenswerten Aufnahme von Leni Riefenstahl, Filmemacherin im Dritten Reich
welche die großen
Propagandaspektakel der NSDAP inszenierte und die Macht des deutschen Volkes,
sowie die des Führers glorifizieren sollte. Helnwein porträtiert
die alte Dame, die ähnlich
wie Arnold Breker ihr Handeln damit
rechtfertigt, lediglich Befehle ausgeführt zu haben und keiner persönlichen Überzeugung
nachgegangen zu sein, mit einem leichten Grinsen115.
Einige Zeit später beginnt Helnwein mit der Arbeit einer Serie der Idole
des 20. Jahrhunderts. Es
entstehen dabei Aufnahmen von Marilyn Monroe, Joseph Beuys, Marlene Dietrich,
usw. Mit letzterer, Marlene Dietrich, arbeitet er 1991, nach dem Fall der Berliner
Mauer, an einem Buch über die
Stadt. Eines seiner bekanntesten Werke dieser Zeit ist das Porträt des
Leinwandidols James Dean.
Es zeigt den jungen Star wie er alleine auf dem Time Square in den frühen
Morgenstunden durch
den Schnee stapft. Es ist ein weiteres Werk, das Helnweins Stil verdeutlicht,
da man normalerweise
eine Berühmtheit nicht in solch einer Lebenslage, verlassen, einsam
und vielleicht traurig, darstellt.116
Ein weiteres berühmtes Werk des begabten Künstlers entstand 1990
und trägt den Namen 48 Porträts (Abb. 17). Es ist eine Bildserie
48 berühmter Frauen, darunter
Alice Schwarzer, Marilyn Monroe, Simone de Bouvoir, Tina Turner, Anne Frank,
Coco Chanel, Marlene Dietrich, Astrid Lindgren, Janis Joplin und viele andere
mehr. Dieses Werk war eine farbige Antwort auf das zwanzig
Jahre zuvor entstandene Werk Gerhard Richters, 48 Porträts (Abb. 16),
das allerdings nur aus
Schwarzweißaufnahmen von Männern bestand.
__________________
114 Gottfried Helnwein in: Mäckler, Andreas: Die Biographie als Gesamtkunstwerk.
Die Kindheit, der Katholizismus und
Donald Duck. In: www.gottfried-helnwein-interview.com/maeckler/seite01.html.,
am 04. Jänner 2009
115 Vgl.: Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler
als Provokateur. In: Vladimir Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog
zur Retrospektive im Russischen Museum, St. Petersburg in 1997, Köln
1998, S.41
116 Vgl.: Ebd., S.41
39
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Auch im Bereich Theater begann Helnwein
mitzumischen, als 1983 eine Ausstellung für
ihn organisiert wurde. Die Ausstellung zog über 100.000 Besucher an, darunter
auch
Peter Zadek wahrscheinlich einen der laut
Meinung von Peter Selz "originellsten und
provozierendsten" Theaterregisseure in
Deutschland.
Peter Zadek war hell auf begeistert von Helnweins Kunst und bat ihn zugleich
ein Plakat zu John
Hopkins „Verlorene Zeit“, gespielt am Hamburger Schauspielhaus,
zu entwerfen.
Fünf Jahre später kreiert Helnwein das viel umstrittene Theaterplakat
zu „Lulu“. Es zeigt einen
kleinwüchsigen Mann, der mit einem Mantel bekleidet, den Unterleib eines
Mädchens anstarrt. Ein
Skandal bricht aus, vor allem als der Bürgermeister Hamburgs den Regisseur
Peter Zadek, ebenso
wie Helnwein der Pornografie beschuldigt.117 Eine „Deutschsprachige
Bürgerinitiative
zum Schutz
der Menschenwürde“ erstattet sogar Strafanzeige gegen Helnwein
und Zadek wegen Pornografie.
Der Bürgermeister der Stadt Wien, Helmut Zilk, hingegen ist von dem
Plakat begeistert und gratuliert Helnwein von ganzen Herzen.118 Helnwein
begann noch im selben Jahr mit den meiner Meinung nach genialen, Entwürfen
von Bühnenbildern und Kostümen
für
eine Reihe von außergewöhnlichen Inszenierungen des Choreographen
und Regisseurs Hans Kresnik.
__________________
117 Vgl.: Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler
als Provokateur. In: Vladimir Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog
zur Retroperspektive im Russischen Museum, St. Petersburg in 1997, Köln
1998, S.44
118 Vgl.: Ausgewählte Biographie. In: Lentos
Kunstmuseum Linz, Direktorin Stella Rollig (Hrsg.): Face it. Wien 2006,
S.219
Abbildung 16
Abbildung 17
Abbildung 18
40
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Darunter sind die Produktionen „Macbeth“, „König
Lear“ und „Ödipus“ in
Heidelberg, sowie „Marat / Sade“ in Stuttgart. Die Produktionen
feierten einen großen
Erfolg, Helnweins Avantgarde-Entwürfe für Carl Orffs „Carmina
Burana“ an der Münchner
Staatsoper wurden aber mit der Begründung, sie seien vielleicht doch etwas
zu radikal für die bayrische
Hauptstadt, abgelehnt und
der Vertrag mit Helnwein gekündigt.119
2.3.4 Öffentliche Kunst und Tryptichen:
In den späten 80er Jahren verspürte Helnwein verstärkt den Drang
im öffentlichen Raum zu arbeiten. Einer seiner Aktionen war die Installation
vom 9. November 1988. Dieses Datum hatte eine
ganz besondere Bedeutung, da es der 50. Jahrestag der „Reichskristallnacht“ war
und Helnwein
wollte an dieses tragische Ereignis, dem Beginn des Holocaust am 9. November
1938, erinnern.120
„Die ‚Kristallnacht‘ ist eine im Hinblick auf die zahllosen
zertrümmerten Fensterscheiben verharmlosende Bezeichnung für den
von Goebbels organisierten, von NSDAP, SA und aufgehetzten
Jugendlichen durchgeführten Pogrom in der Nacht vom 9. zum 10. November
1938. In dieser
Nacht des Schreckens‘ wurden bei angeblich ‚spontanen‘ Kundgebungen
91 Juden ermordet und
fast alle Synagogen sowie über 7000 jüdische Geschäfte im Deutschen
Reich zerstört oder schwer
beschädigt.“121, lautet die Beschreibung
der österreichischen
Hompage „Kristallnacht 1938“ für
dieses schreckliche Ereignis.
Als Mahnmal an dieses furchtbare Ereignis soll auch Helnweins 100m lange
Installation, zwischen
dem Kölner Hauptbahnhof und dem Museum Ludwig, dienen. Der Künstler
fertigt dafür 17 Kinderporträts im Scannerchromverfahren an, die
wie bei der (KZ-)Selektion aufgereiht wurden und
daher für dieses Werk auch der Name „Selektion“ (Abb. 19)
ausgesucht wurde.
Die vier Meter hohen Gesichter blicken
den Betrachter mit einem eindringlichen
Ausdruck der Trauer an. Die 100 Meter
lange Bildstraße wurde bewusst an dieser
Passage platziert, da sie dort täglich
Tausende von Menschen mit diesen
Thema konfrontieren würde. Da Helnwein
keine Sponsoren für seine Arbeit fand,
finanzierte er seine Installation aus
eigener Kassa.
__________________
119 Vgl.: Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler als Provokateur. In: Vladimir
Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog zur Retrospektive im Russischen
Museum, St. Petersburg in 1997, Köln
1998, S. 44
120 Kristallnacht 1938. In: www.kristallnacht.at/1938.html ,
zugegriffen am 04. Jänner 2009
121 Vgl.: Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler als Provokateur. In: Vladimir
Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog zur Retrospektive im Russischen
Museum, St. Petersburg in 1997, Köln
1998, S. 54
Abbildung 19
41
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Mit dem Werk provozierte der Künstler jedoch einen weiteren öffentlichen
Skandal. Helnweins
Anliegen war es, die Menschen zum Nachdenken über die Gräueltaten
der Nazizeit zu provozieren.
Binnen weniger Tage wurden die Bilder jedoch von aufgebrachten Bürgern beschädigt
oder gar mit
Messern zerfetzt. Eines der Bilder wurde sogar gestohlen.122
Peter Selz führt in Folge die bewegten Worte Simon Wiesenthals im Ausstellungskatalog
an: „Menschen, bitte bleibt alle stehen, schaut Euch (sic!) diese Kindergesichter
an und multipliziert ihre Zahl mit einigen Hunderttausend. Dann werdet ihr
das Ausmaß des
Holocaust, der
größten Tragödie der Menschheit, erkennen und erahnen.“123
Helnwein malte weiterhin mit der „Kristallnacht
- Installation“ in
Verbindung stehende Werke. Im
Frühjahr 1991 schuf der Künstler einen überdimensionalen Kindskopf,
ein Gemälde für den Triumphbogen der Minoritenkirche in Krems / Stein
in Niederösterreich.
Etwa zur selben Zeit kreierte Helnwein
eines seiner wenigen dreidimensionalen
Werke, White Christmas (Abb. 20). Es ist
dies eine Gruppe von 48 gesichtslosen Kindern, die aus Naturpapier angefertigt
wurden. Auf den Oberflächen der gesichtslosen
Gestalten befindet sich Blütenstaub, der
darauf gesprüht wurde.
In den 80er Jahren begann Helnwein schließlich mit der Arbeit an großformatigen
Tryptichen, die
aus drei großen Tafeln bestehen. Im Mittelalter dienten sie oft als Alterbilder,
häufig in den Kirchen Nordeuropas. Diese Kunstform wurde im ausgehenden
19. Jahrhundert von Künstlern
wie
Hans von Marees wiederbelebt, sie gipfelte in den neuen Tryptichen von Max
Beckmann.
Das stille Leuchten der Avantgarde (römisch 1) ist eines von Helnweins
Tryptichen, entstanden im
Jahr 1986. Die Mitteltafel ist eine Wiedergabe von Caspar David Friedrichs
Gemälde Das Eismeer entstanden im Jahr 1823/24. Das Bild schildert die Haverie des Schiffs „Hoffnung“,
jenes Schiff
welches den Seeweg zum Nordpol entdecken sollte. Im Einklang mit dem Werk
des romantischen
Künstlers, spielt auch Helnweins Werk, dieser Meinung ist zumindest
Peter Selz, auf die Erscheinungsform des Schicksals und die gewaltige, zerstörerische
Kraft der Natur an. Helnwein fügt zu
beiden Seiten des Schiffes, welches an Eisbergen zerschellt, ein Selbstbildnis,
auf dem sich der
Künstler mit blutverschmierten Stirnband und Hemd befindet, hinzu.
__________________
122 Vgl.: Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler als Provokateur. In: Vladimir
Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog zur Retrospektive im Russischen
Museum, St. Petersburg in 1997, Köln
1998, S.54Ebd.; S. 54
123 Wiesenthal, Simon. In: Ebd., S. 54
Abbildung 20
42
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Diese Selbstporträts beziehen sich auf Friedrichs romantisches Gemälde
in einer modernen Vision
dieser Niederlage, verursacht durch das menschliche Streben die Natur zu
bezwingen. 124
Während der 90er Jahre dominiert die monochrom blaue Farbgebung die
Werke Helnweins.
Es entsteht eine Serie von Werken dieser Art, die alle durch eine magische
Distanz, verursacht
durch die spezielle Färbelung, dominiert sind, Werke wie Die
Verkündung (1991) sowie Nacht 3 (römisch drei), Nacht
2 und das Porträt seines Sohnes Ali, die
alle in monochromen Blau gehalten
sind. Im selben Jahr malt der Künstler auch zwei großformatige,
monoton blaue Leinwandgemälde
Feuermensch und Eismensch. Beide Werke basieren auf den Fotografien zweier
Männer,
die im
ersten Weltkrieg verwundet wurden. Die Gesichter der beiden Männer sind
kaum zu erkennen,
lediglich Umrisse der Nase und Andeutungen der Augen.
Gelegentlich setzt der Künstler auch Farben ein wie bei dem Tryptichon
Wiener Panorama von
1995. Es ist riesig, sechs Meter breit und zeigt den Künstler umgeben von
Farben, Lösungsmitteln
und Pinseln beim Malen einer Ansicht seiner Geburtsstadt, Wien.
In der Zeit von 1994 bis 1996 malt der Künstler eine Reihe von etwa
100 monochrom dunkelblauen Bildern die er mit dem Namen Feuer betitelt.
Die Gemälde in Öl
sowie in Acryl basieren auf
Fotografien von Malern, Schriftstellern, Dichtern, Komponisten, Filmemachern,
Wissenschaftlern,
politischen Aktivisten, Philosophen, Schauspielern und Popstars. Es sind Darstellungen
von Rebellen des 20. Jahrhunderts, von Persönlichkeiten die gegen den
Strom der Zeit schwammen.125
__________________
124 Vgl.: Selz, Peter: Helnwein: Der Künstler als Provokateur. In: Vladimir
Gusev (Hrsg.): Helnwein. Ausstellungskatalog zur Retrospektive im Russischen
Museum, St. Petersburg in 1997, Köln
1998, S.66!
125 Vgl.: Ebd., S. 68 und 72
Abbildung 21
43
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2.4 Schlafende Engel in Prag
Ausstellung : „Angels Sleeping“ in der Galerie Rudolfinum in
Prag, 12 Juni bis 31 August 2008
Eines der Highlights meiner Arbeit war es, Helnweins Werke im Original zu
sehen - es war ein überwältigendes Erlebnis. Ich hatte die Möglichkeit
im Sommer 2008 nach Prag zu fahren und die
Ausstellung „Angels Sleeping“ zu besichtigen.
Helnwein sagt selbst, er habe früher, zu Beginn seiner Karriere, das Original als eine Art Edelabfall empfunden. In ihm brannte eine Sehnsucht nach einer Demokratisierung, einer Umorientierung von einer esoterischen in eine für jeden verständliche Kunst. Als Mittel dazu war er begeistert von der Möglichkeit der Massenvervielfältigung. Dieser Standpunkt änderte sich jedoch schlagartig als er zum ersten Mal die originalen Werke von Kandinsky in einer Ausstellung betrachtete:
„Ich war so erschüttert und überwältigt von der Unmittelbarkeit
nie zuvor erlebter ästhetischen
Intensität und der spirituellen Qualität dieser Werke, dass ich
zu zittern begann und den Raum
verlassen musste, da ich nicht vor allen Leuten zu weinen beginnen wollte.
Ich weiß nun dass es
die Magie, die Aura eines Kunstwerkes gibt, und ich habe zu der Abendländischen
Kunst (von
der Gotik, über die Renaissance bis zur Moderne) ein geradezu religiöses
Verhältnis. Ich bin
immer noch der Meinung, dass die modernen Reproduktionstechniken neue Bereiche
und Möglichkeiten für die Kunst eröffnet haben, aber an der
Bedeutung des Originals und der Aura eines Kunstwerkes hat das nichts geändert.“126
Ähnlich wie Gottfried Helnwein ist es auch mir bei der Besichtigung der
Ausstellung ergangen. Ich
hatte im Voraus schon recherchiert und kannte schon viele seiner Werke aus
Büchern.
Aber die
Bilder im Original zu sehen, hat mich buchstäblich überwältigt.
Es war unbeschreiblich und deshalb kann ich nur jedem empfehlen, sich bei Gelegenheit
Originale Helnweins anzusehen, um diese
Erfahrung selbst zu machen.
Helnwein sagt oftmals, es sei sein Anliegen die aktive Beteiligung des Betrachters
zu provozieren
und Reaktionen hervor zu rufen. Ein Werk sei deshalb nur so gut wie die Reaktion
darauf. Und dies
schafft er meiner Meinung nach außerordentlich gut. Ich war so berührt
von den Bildern und sie
gingen und gehen mir nach wie vor sehr nahe, sodass mir oft auch die eine
oder andere Träne über
die Wange läuft. Was mich persönlich so wahnsinnig fasziniert und
begeistert an Gottfried Helnwein, ist, das er Kunst schafft, die man versteht,
Werke mit einer Botschaft.
Obwohl der Künstler selbst nicht gerne genaue Erklärungen zu seinen
Bildern abgibt, kann man
dennoch erahnen was er damit ausdrücken will. Und selbst wenn es mit
der eigentlichen Botschaft
nicht zu hundert Prozent übereinstimmt, ermöglicht Helnwein individuelle
Zugänge.
Seine Werke behandeln Themen, die uns alle betreffen - Ängste im Verborgenen
die durch seine
Bilder zum Vorschein kommen. Gefühle, die von den Menschen verdrängt
werden um ja keine
__________________
126 Gottfried Helnwein in Nedoma, Peter: PETER
NEDOMA, DIREKTOR DER GALERIE RUDOLFINUM IN PRAG,
SPRICHT MIT GOTTFRIED HELNWEIN. In: www.gottfried-helnwein.at/presse/interviews/artikel_3496.html,
zugegriffen am 09. Jänner 2009
44
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Schwäche zu zeigen, werden durch seine Bilder wachgerüttelt. Ich glaube ein Grund dafür, dass viele Kritiker und Menschen beinahe allergisch auf Helnweins Bilder reagieren, ist möglicherweise die Angst sich selbst einzugestehen, dass man diese Gefühle kennt, sie jedoch auf keinen Fall zu lassen darf. Mein kleiner Bruder hat, als er sich einige Bilder von Gottfried angesehen hatte, gesagt: eigentlich müsste er Dunkel- und nicht Hel(l)nwein heißen, mit der Begründung die Werke haben nichts mit Helligkeit zu tun, sondern sind von Dunkelheit, Angst und Schrecken geprägt.
Einen kurzen Moment lang habe ich mir gedacht er hat vielleicht recht, bin
jedoch dann genau zu
der gegenteiligen Meinung gekommen. Eigentlich versucht Helnwein, meiner Meinung
nach, unsere Welt buchstäblich zu erhellen. Und dies im herkömmlichen
Sinne, denn schon immer wurde
Licht dazu verwendet, um sich in der Dunkelheit zurecht zu finden und auf
Gefahren sowie mögliche Hindernisse aufmerksam zu machen; nichts anderes
tut meiner Meinung nach Helnwein. Er
will die Menschen wachrütteln, sie darauf aufmerksam machen, dass in
unserer heutigen Welt so
viel Gewalt, Angst und Ungerechtigkeit vorherrscht.
Da ich mich jetzt doch schon fast ein halbes Jahr mit den Werken des Künstlers
beschäftigt habe,
fragen mich Freunde oft, ob es nicht deprimierend ist, sich ständig
mit dieser tristen Thematik auseinander setzen zu müssen und ob ich nachts
hoffentlich noch gut schlafen könne. Ich empfinde es
persönlich jedoch überhaupt nicht so, sondern ganz im Gegenteil.
Ich bin mittlerweile zu dem
Punkt angelangt, wo ich die Werke als Motivation und Hoffnung empfinde. Einerseits
um selbst zu
versuchen den Ungerechtigkeiten entgegen zu wirken und ein Stück weit
dazu beizutragen die
Welt, auch wenn nur minimal, zu verbessern und zu erhalten, sei es im Bereich
Umweltschutz oder
Entwicklungshilfe, andererseits empfinde ich es als große Freude und
Zuversicht, dass es noch
einzigartige Menschen wie Gottfried Helnwein gibt.
2.5 Stil & Botschaft
„Ich glaube, dass alle Arbeiten eines Künstlers im Grunde immer
nur um ein einziges zentrales
Anliegen oder Motiv kreisen. Und jedes Werk so etwas wie ein neuer, mehr
oder weniger erfolgreicher Versuch ist, sich diesem Grundthema zu nähern,
es sichtbar zu machen, zu fassen,
zu formulieren, obwohl es im Prinzip immateriell, und daher nicht fassbar
ist, und keine Form
hat.
Die Bedeutung der Methoden, Mittel, Wege und Tricks, die der Künstler
dabei einsetzt, werden
von Theoretikern und Kunsthistorikern in der Regel überschätzt.“127
Gottfried Helnweins Werke haben durchaus ihren eigenen Stil, auch wenn die
Bildinhalte nicht
immer leicht auf zu nehmen sind. Meiner Meinung nach unterscheidet sich sein
Stil vor allem auch
durch dieses Detail, seine Botschaft, von den Fotorealisten.
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127 Gottfried Helnwein in: Nedoma, Peter: PETER NEDOMA, DIREKTOR DER GALERIE
RUDOLFINUM IN PRAG,
SPRICHT MIT GOTTFRIED HELNWEIN. In: www.gottfried-helnwein.at/presse/interviews/artikel_3496.html,
zugegriffen am 09. Jänner 2009
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Zu Beginn wollte der hochbegabte Künstler eigentlich nicht Maler werden,
so ein Beruf schien ihm
zu langweilig, doch irgendwann habe er eingesehen, dass Kunst wahrscheinlich
die einzige Möglichkeit sei sich gegen die Zumutungen der Gesellschaft
zu wehren und zurückzuschlagen.
Kunst
war in erster Linie also eine Waffe.
„Das Thema meiner Kunst war [daher, die Verfasserin]
immer ident mit dem Thema meines
Lebens: dem hoffnungslosen Versuch das absurdeste Phänomen des Universums
zu verstehenden Menschen.“ 128
Das ist dann wahrscheinlich die Antwort auf die Frage nach dem Thema seiner
Arbeit. Und diese
scheint eine allgemein gültige, für das Gesamtwerk des Künstlers
zu sein. Im Mittelpunkt, der
Mensch. Studiert man, wie ich es für meine Arbeit getan habe, jedoch
genauestens seine Werke so
wird deutlich, dass das Kind eine bedeutende Rolle in seinem Schaffen zu
spielen scheint.
Im Großteil der Werke sind bandagierte, verwundete und gequälte
Kinder zu sehen. Diese Abbildungen scheinen sich wie ein roter Faden durch
seine Kunst zu ziehen. Dadurch stellt sich die Frage, wieso gerade Kinder,
oder anders, wieso in solch einem Zustand?
„Vielleicht ist es ein Defekt, aber von frühester
Kindheit an sah ich immer Gewalt um mich
herum und die Wirkung von Gewalt: Angst.
Ich habe jedes Stück Information, dass ich über den Holocaust,
Vietnam, Chile, die Heilige Inquisition und all die Hexenjagden kriegen konnte,
in mich aufgesogen.
Die durch die gesamte Menschheitsgeschichte vorhandene Lust daran, anderen,
vor allem
Wehrlosen, ein Maximum an Schmerz zuzufügen, war für mich immer ein
Rätsel. Erstaunlich
auch, welche Kreativität Menschen dabei entwickeln.“129
Dieses Unverständnis der Gewaltbereitschaft beschäftigte den Künstler
von Beginn an. Je älter er
wurde und mehr von der Welt verstand, desto größer schien dieses
Gefühl
zu werden. Aber was er
vor allem nicht verstand war die Gewalt gegen Kinder. Wie man Kinder sowie
Tieren nichts anderes als Liebe und Bewunderung entgegen bringen konnte, war
ihm vollkommen unverständlich.
Dieses Gefühl etwas gegen die Ungerechtigkeit unternehmen zu müssen,
ließ ihn seither nicht mehr
los. In Deutschland und Österreich müssen jährlich tausende
von Kindern durch ein derartiges Martyrium, so Helnwein, bevor sie in den Himmel
dürfen.
Und dies war der Grund weshalb Gottfried Helnwein zu malen begann, Ästhetik
sei dabei in erster
Linie nicht die Motivation gewesen, sondern vielleicht sogar das Gegenteil.
Kunst in einer anderen
Art und Weise zu benutzen, als Waffe gegen die Ungerechtigkeiten auf Erden
und vor allem gegen
Kinder. Das Leiden des Menschen, Gewalt ist ein wichtiger Aspekt seiner Arbeit.
Damit lasse er
sich auch fest in die Tradition der abendländisch- christlichen Kunst
einordnen, so Helnwein, die
sich auch damit als ihr zentrales Thema beschäftigte.
__________________
128 Gottfried Helnwein in: Nedoma, Peter: PETER NEDOMA, DIREKTOR DER GALERIE
RUDOLFINUM IN PRAG,
SPRICHT MIT GOTTFRIED HELNWEIN. In: www.gottfried-helnwein.at/presse/interviews/artikel_3496.html,
zugegriffen am 09. Jänner 2009
129 Gottfried Helnwein in: Ebd., zugegriffen am 09. Jänner 2009
46
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Was den Künstler jedoch auch wahnsinnig interessiert, dadurch auch von
dieser Tradition unterscheidet, ist die Wechselbeziehung zwischen Opfer- und
Täterschaft, sowie
die Fähigkeit des Menschen zur ständigen Verwandlung. Diese Wechselwirkung
versucht er wieder vor allem dadurch
dazustellen, dass er einmal die Opferrolle und dann wieder die des Täters
einnimmt, um sich dadurch in die jeweilige Lage zu versetzten.
Weiters versucht er dies auch in den verschiedenen Metamorphosen und Verformungen
der Köpfe
sowie der Gesichter zu formulieren. Die Helden seiner Geschichten seien aber
die Kinder, als eine
Metapher für eine potentielle, vorhandene Unschuld und eine, so Helnwein,
im Innersten des Menschen vorhandene Unverletzlichkeit und Unbesiegbarkeit.130
3. Fotorealismus: Bloße Nachahmung oder doch künstlerische
Interpretation ?
„Realismus ist kein Stil, sondern eine Art des Zugangs
und ein Ziel“
(John Berger)131
Warum malt jemand fotorealistisch obwohl es die Fotografie gibt? Diese Frage
habe ich mir während meiner intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema
Fotorealismus sowie mit dem Künstler
Gottfried Helnwein gestellt. Der Grund dafür scheint Wurzeln zu haben, die
weit zurück in der
Geschichte der Menschheit, in der Antike, liegen.
Der griechische Begriff „Mimesis“ wird grundsätzlich meist mit
der Bedeutung „Nachahmung“ übersetzt. Er gilt als Zentralbegriff
der Ästhetik in der Kunsttheorie,
die Nachahmung bzw. das
Abbilden des Schönen, welches als erstrebenswertes Ziel galt.132
Dazu beschäftigt sich der Künstler vor allem mit dem Verhältnis
von Erfahrungswirklichkeit, der
Realität und der künstlerischen, nachschaffenden Gestaltung, der
Fiktion. Dieses Verhältnis ist,
meiner Meinung nach, enorm wichtig, da es das Vorurteil aus dem Weg räumt,
Realismus sei bloß
eine Wirklichkeitsspiegelung. Dabei gerät die Tatsache, dass eine realistische
Abbildung zugleich
eine Wertung und eigenständige Interpretation des abzubildenden Sujets
beinhalten kann, in Vergessenheit.133
Diese und ähnliche Überlegungen führten, im Laufe der Begriffsgeschichte,
zu stetigen Veränderungen der Auffassung der Begriffe „Nachahmung“ sowie
von „Wirklichkeit".
Unter Mimesis konnte daher einmal Wirklichkeitskopie, dann wieder Wirklichkeitsverwandlung,
ja weiter sogar
Entwürfe neuer Realitätsvorstellungen verstanden werden.134
__________________
130 Vgl.: Nedoma, Peter: PETER NEDOMA, DIREKTOR DER GALERIE RUDOLFINUM IN PRAG,
SPRICHT MIT
GOTTFRIED HELNWEIN. In: www.gottfried-helnwein.at/presse/interviews/artikel_3496.html,
zugegriffen am
09. Jänner 2009
131 John Berger in: Stremmel, Kerstin: Realismus. Köln 2004 S. 9
132 Vgl.: Mimesis. In:
culturitalia.uibk.ac.at/hispanoteca/Lexikon%20der%20Linguistik/ma/MIMESIS%20%20%20Mimesis%20o%20M%C3%ADmesis.htm,
zugegriffen am 15. Jänner 2009
133 Vgl.: Ebd., zugegriffen am 15. Jänner 2009
134 Vgl.: Ebd., zugegriffen am 15. Jänner
2009
47
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Schon der griechische Philosoph Aristoteles beschäftigt sich mit dem Phänomen
der Mimesis und
bezeichnet sie als das wichtigste Charakteristikum der Literatur, sowie die
gemeinsame Grundlage
aller Künste. Aristoteles begründet das Phänomen, mit einem
allgemeinen menschlichen Bedürfnis
nach Nachahmung. Es funktioniert auf der Grundlage einer gewissen Ähnlichkeit
zwischen der
realen und der fiktiven Welt. In der Renaissance, der Wiedergeburt der Antike,
gewann Mimesis
erneut an Bedeutung und wurde vor allem auch in der französischen und
deutschen Klassik zu einem wesentlichen Begriff der poetologischen Auseinandersetzungen.
Im 20. Jahrhundert bekam
der Begriff letztlich einen neuen Stellenwert im Neurealismus der Kunst und
dem Naturalismus der
Literatur.135
In der Kunst spielt Realismus allerdings nicht nur die Rolle eines Epochekonzeptes,
von Courbet
(schon im 19. Jahrhundert) eingeführt und von weiteren Künstlern
wie Eduard Manet, mit seiner
ungeteilten Hingabe für Objekte der Alltagswelt, weitergeführt,
sondern ist eine (neue) Ausdrucksform. Der Begriff Realismus, als ein Versuch
der Wiedergabe der äußeren
Realität.
Realismus ist in diesem Sinne der Versuch in der Malerei, Grafik sowie in
der Bildhauerei, die
sichtbare Wirklichkeit möglichst exakt und naturgetreu wiederzugeben.
Diese realistischen Ambitionen verfolgten sowohl Künstler im Hellenismus,
in der Renaissance bis hin zu den Realisten von
heute.136
Daraus folgte auch die intensive Beschäftigung der Fotorealisten mit
einer mimetischen- Darstellung ihrer Umgebung, mit dem Ziel jedes kleinste
Detail naturgetreu abzubilden, eine Wirklichkeitskopie zu erzeugen. Dazu benötigt
man allerdings die Fotografie, denn ohne sie kann fotorealistisches Malen nicht
bestehen. Die Fotografie ist einfach das Thema des Fotorealismus, dabei gilt
nach Louis K.Meisel:
„Der Fotorealismus beruht eher auf dem Malen als
auf der Theorie und benötigt
daher keine
Intellektualisierung, Spekulation und Interpretation, wie Minimal, Conceptual,
Enviromental
und Performance Art. Der Fotorealismus ist deswegen nicht besser oder schlechter,
nicht mehr
oder weniger wichtig als irgendeine andere Form der Kunst.“137
Dies ist zwar nicht direkt eine Antwort auf meine Frage, aber ich finde sie
kommt ihr in Ansätzen
näher. Wenn Mimesis tatsächlich nur eine billige Kopie der Requisiten
unserer Umgebung ist, gilt
es immer noch zu ergründen, warum sie als so reizvoll und interessant
erlebt wird, um ganze Epochen und Kunstformen in Atem zu halten?
__________________
135 Vgl.: Mimesis. In:
culturitalia.uibk.ac.at/hispanoteca/Lexikon%20der%20Linguistik/ma/MIMESIS%20%20%20Mimesis%20o%20M%C3%ADmesis.htm,
zugegriffen am 15. Jänner 2009
136
Vgl.: Stremmel, Kerstin: Realismus. Köln 2004, S.7
137
Louis K. Meisel in: Meisel, Louis K.: Fotorealismus. Die Malerei des Augenblicks.
Luzern 1989, S.20
48
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Zu Beginn des Zeitalters der Fotografie waren Maler je nach Talent, den Fotografen
und ihren
technischen Mitteln ebenbürtig oder gar überlegen. Heute sieht
die Welt jedoch ganz anders aus,
neue Technologien und revolutionäre Errungenschaften vor allem im Bereich
der Fotografie ermöglichen Dinge, die vor hundert Jahren noch vollkommen
undenkbar waren.
Es stellt sich daher wiederum die Frage, vielleicht in einer etwas abgewandten
Form, warum jemand heute noch fotorealistisch malt, obwohl es die unerschöpflich
zu scheinenden Möglichkeiten
der Fotografie gibt.
Besonders interessant ist diese Fragestellung bei der Betrachtung der Fotorealisten.
Sie bedienen sich bekanntlicherweise zuerst der Kamera, um ihr ausgesuchtes
Motiv auf einem
Foto festzuhalten. Dann malen sie jenes vergrößert, aber dennoch
bis ins kleinste Detail abgebildet,
auf eine Leinwand und wollen auf einige normale Details aufmerksam machen,
um den Betrachter
dazu zu bewegen, sich bewusster mit seiner Umgebung, der Realität, auseinander
zu setzen. Einige
Fotorealisten versuchen sogar durch hyperrealistische Darstellungen eine
neue Wirklichkeit zu
schaffen.
Dabei stellen sie jedoch den, meiner Meinung nach, zu beschränkten Begriff
Mimesis in Frage.
Dies ist in meiner Auffassung ein wesentlicher Grund dafür, weshalb
jemand fotorealistisch malt.
Die zahlreichen Möglichkeiten die dieses Konzept bietet, wie z. Bsp. die
Schaffung neuer Realitäten bzw. Welten. Aber kann nicht einfach nur die
Tatsache, dass Fotorealisten von der Technik
fotorealistisch zu malen begeistert sind, ausreichend für das Entstehen
dieser Kunstform und ihrer
Werke sein? Oder mache ich es mir damit zu leicht?
Persönlich glaube ich ist diese Frage nicht mit einer allgemein geltenden
These zu beantworten und
die Ansicht darüber variiert selbst von Künstler zu Künstler.
Während Richard Estes glaubt, die
Fotografie sei in Sachen Realismus nicht das letzte Wort und das möglicherweise
der Grund ist,
weshalb er lieber malt, unterscheidet sich davon maßgeblich die Meinung
des ersten Fotorealisten
Malcom Morley, für den einfach nur die Faszination an der Technik im
Mittelpunkt steht.
Gottfried Helnwein beschäftigt sich ebenfalls mit fotorealistischen,
sowie mit hyperrealistischen
Darstellungen, mit der Nachahmung bzw. der naturgetreuen Abbildung der Realität.
Dennoch unterscheiden sich seine Bilder, durch den besonderen Bildinhalt wesentlich,
von den
traditionellen Fotorealisten. Wieso also malt Helnwein fotorealistisch, obwohl
es die Fotografie
gibt und bei ihm ja offensichtlich der Inhalt und nicht die Technik im Mittelpunkt
steht?
Für mich persönlich hat ein Foto eine andere Bildwirkung als ein
Gemälde
und diesen Unterschied
spüre ich persönlich auch bei Helnweins Bildern. Obwohl ich selbst
eine leidenschaftliche Fotografin bin, finde ich, dass Gemälde einen zusätzlichen
Effekt haben. Ein Fotograf muss ein gutes Auge
haben, Dinge sehen und einmalige Momente einfangen können. Ein Fotograf
beobachtet und fängt,
wenn er gut ist, Bilder von unglaublicher Schönheit, Gefühl und
Emotion ein. Bilder von anderen
49
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Dingen und Lebewesen (sofern es kein Selbstportrait ist), ein Stück Realität
festgehalten auf einem
Foto, für die Ewigkeit.
Was, in meinen Augen einen Maler jedoch maßgeblich von einem Fotografen
unterscheidet, ist der
Umstand, dass man ihn in jedem Bild, welches ein Teil vom Künstler ist,
erkennt. Ich will keineswegs damit andeuten, dass die Fotografie weniger wert
ist als die Malerei. Dennoch finde ich, dass
ein Künstler durch die Malerei mehr von sich selbst preisgibt, ich empfinde
es dadurch als persönlicher. Ob meine Einschätzung an der Tatsache,
dass in der heutigen Zeit beinahe jeder eine Kamera besitzt aber nicht jeder,
wie ein Picasso malen kann liegt, weiß ich
nicht genau, sie trägt wahrscheinlich auch dazu bei.
Meiner Meinung nach versteifen wir uns jedoch viel zu sehr auf die Frage,
warum jemand mit einer
bestimmten Technik malt. Das ist so als würde man jemanden danach fragen,
weshalb er lieber
klassischen Gesang ausübt bzw. lernt, als Jazzgesang, schlussendlich
ist es alles eine Frage des
Geschmackes und der ist bekanntlich verschieden.
Ich glaube, die Frage warum jemand fotorealistisch malt, kann durchaus mit
der Tatsache in Verbindung gebracht werden, dass einem Künstler diese
Ausdrucksform nahe liegt und sein Talent
gerade dadurch zur Gänze zum Vorschein kommt.
Als Beispiel dafür kann ich wiederum Duane Hanson anführen. Zu
Beginn seiner Karriere war vor
allem der abstrakte Expressionismus besonders populär und weit verbreitet.
Hanson konnte sich
jedoch nie mit dieser Kunstform identifizieren und dies führte beinahe
zu einem Stillstand in seinem künstlerischen Schaffen.
Als er jedoch an fotorealistisch gestalteten Skulpturen zu arbeiten begann,
gelang ihm der künstlerische Durchbruch. Nach jahrelanger Suche hatte
also nun auch er den Realismus als seine persönliche künstlerische
Ausdrucksform gefunden. Eine Kunstform die ihm es ermöglichte,
seine Botschaft und sein Anliegen zu vermitteln.
Ich bin also der Meinung, die Technik sollte im Bereich der Kunst keinen
besonders großen Stellenwert einnehmen. Sie ist lediglich ein Medium
mit dem ein Künstler seinen
Gedanken, Gefühlen
und der Botschaft welche er vermitteln möchte, Ausdruck verleihen kann.
In meinen Augen ist fotorealistisches Malen keine Nachahmung der Realität
sondern die künstlerische Interpretation von Realismus im Allgemeinen,
sollte es zumindest sein.
Ich habe mich in einer Ansicht bestätigt gefühlt, als ich Gottfried
Helnwein selbst die Frage gestellt
habe und er mir folgendes geantwortet hat:
„Ich habe nie verstanden, warum der Technik in der
Kunst so viel Bedeutung zugemessen wird.
Im Laufe der Jahre habe ich, wie Sie richtig bemerken, die unterschiedlichsten
Techniken benützt und kombiniert, einfach um herauszufinden, welches Medium
und welche Methode für eine bestimmte Bildidee am geeignetsten ist. Ich
bevorzuge keine von ihnen und meine Entschei-
50
----------------------------------------
dungen sind in der Regel spontan und intuitiv. Mich interessieren
in einem Kunstwerk nur die
Intensität und die Wirkung. Welche Technik der Künstler eingesetzt
hat, um sie zustande zu
bringen, ist mir eigentlich relativ egal.“138
Helnwein arbeitet mit dem Credo: „Kunst darf alles!“ und ich
finde das sollte man auf alle Kunstbereiche anwenden. Die künstlerische
Freiheit ist ein Geschenk und wie jemand seinen Gedanken äußert,
sprich welches Medium oder welche Technik ein Künstler
benutzt, soll Ausdruck individueller künstlerische Interpretation sein.
__________________
138 Gottfried Helnwein in: Persönliches E-Mail an Susi Wiesenegger
51
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In der vorliegenden Fachbereichsarbeit werden im Wesentlichen drei Aspekte
des Fotorealismus
behandelt:
• Entstehungsgeschichte, Techniken und die jeweiligen Vertreter
• der Künstler Gottfried Helnwein - mit Schwerpunkt auf sein vielfältiges
Werk
• Fragestellung Fotorealismus: Bloße Nachahmung oder doch künstlerische
Interpretation?
Etwa gegen Ende der Sechzigerjahre entstand der Fotorealismus in verschiedensten
Orten Amerikas, er hatte lange Zeit keine einheitliche Richtung daher entstanden
zahlreiche Namen für diese
Kunstrichtung: Hyperrealismus, Radical Realismus, Sharp- Focus- Realismus und
viele andere
mehr. Fotorealismus entstand aus der Pop- Art und war ein bewusster Gegenpol
zu den weit verbreiteten abstrakten Künsten, wie abstrakter Expressionismus
und Minimal-Art. Grundprinzip vieler Fotorealisten ist, ihre Umgebung auf möglichst
exakte Weise abzubilden; die aufwändige Technik steht im Vordergrund,
um die gewünschte Bildwirkung
zu erzeugen. Als Vorlage für die Bilder dienen dem Maler nicht länger
Studien und Skizzen, sondern Fotos und Dias.
Der kreative Akt besteht daher aus der Motivauswahl des Fotos sowie der folgenden
farblichen
Gestaltung des Gemäldes. Die Motive variieren von Künstler zu Künstler,
beschränken sich aber
im Wesentlichen auf reflektierende Oberflächen - glänzende, glasverkleidete
Fassaden, Schaufenster, Autos etc.. Es ist den Malern jedoch ein Anliegen,
den Betrachter, der im Zeitalter der Medien
oft mit visuellen Reizen überhäuft wird, mit dem Ziel, seine Umgebung
bewusster wahrzunehmen,
zu sensibilisieren.
Wie umfangreich das Spektrum der Möglichkeiten des Fotorealismus ist,
kann man am Werk des
amerikanischen Bildhauers Duane Hanson erkennen. Hanson gilt als Bindeglied
zwischen Pop-Art
und Foto- bzw. Hyperrealismus. Anfang der Sechziger begann der Bildhauer mit
der Herstellung
maßstabsgetreuer Figuren. Er entwickelte ein strenges, technisches
Kompositionskonzept um die
fotorealistischen Skulpturen möglichst realistisch wirken zu lassen.
Hanson war stets darum bemüht, Ausschnitte der Wirklichkeit ins Museum
zu bringen. Seine Kunst basierte auch auf dem
Grundsatz, dass Kunst Leben ist, das ist schlicht und ergreifend realistisch.
Diesen Grundsatz nahmen sich sehr viele Künstler zu Herzen und eine neue
Stilrichtung entstand, der Fotorealismus.
„Ich möchte das Unterbewußtsein [sic!] dort anbohren,
wo man sonst nicht hinkommt.“139
Von wem sonst als von dem Künstler Gottfried Helnwein selbst könnte
dieses Zitat stammen. Es
scheint, als würde der Künstler in diesem kurzen prägnanten
Satz die Essenz seiner Kunst zusam
menfassen. Die Menschen dort zu erreichen, wo sie es sonst nicht zulassen
- im Unterbewussten - um eine aktive Beteiligung des Betrachters am Kunstwerk
durch Hervorrufen von Emotionen
buchstäblich zu provozieren.
__________________
139 Sager, Peter: Der Schocker von Wien. In: Zeitmagazin, 1982, S. 36
52
----------------------------------------
Gottfried Helnwein wurde 1948 im Wien der Nachkriegszeit geboren, seine strenge
katholische
Erziehung sowie das repressive Schulsystem haben den rebellischen Freigeist
stets unterdrückt und
ihm das Leben zur Hölle gemacht. Im Gegensatz dazu gab es für ihn
jedoch glücklicherweise auch
einen Himmel, Entenhausen, eine Welt in der sich der junge Gottfried Helnwein
zurückziehen und
sich zum ersten Mal auch zu Hause und verstanden fühlen konnte. Diese
beiden völlig gegensätzlichen Welten sind Schlüssel und Inspiration
zu seinen späteren Werken
und daher von größter Bedeutung.
Helnwein wollte ursprünglich nicht Maler werden. Er erkannte aber bald
die Wirkungskraft eines
Bildes, als er sich in jungen Jahren als Schüler mit einer Rasierklinge
schnitt und mit dem eigenem
Blut ein Bild Hitlers malte, die Reaktion der Schulverwaltung war dementsprechend.
Kunst war
für ihn in erster Linie eine Waffe, um sich gegen die Ungerechtigkeit
auf dieser Erde zu wehren
und die Wehrlosen zu beschützen.
In seiner Laufbahn als Künstler finde ich, hat Gottfried Helnwein beinahe
alle verschiedenen Medien der Kunst ausprobiert, um wundervolle, ausdrucksstarke
Werke zu schaffen: Aquarelle, Tryptichen und Zeichnungen (mit Farbstift, Feder
und Tusche) zu Beginn seiner Karriere, zahlreiche
Aktionen als Student, später entwickelt sich die Fotographie zu einem
wichtigen Medium und eigenen Bereich in seinem Werk. Helnwein portraitierte
vor allem viele Idole des 20. Jahrhunderts
wie Michael Jackson, Mick Jagger und Andy Warhol. Zum anderen dienten ihm Fotografien
als
Vorstudien für seine spätere Malereien, Wechselspiele mit Licht
und Schatten, bei denen es Helnwein immer um Emotionen geht. Der Künstler
stattete ebenso mehrere Opern mit Bühnenbildern
und den jeweiligen Kostümen aus, kreierte zahlreiche Plakate für
Theaterproduktionen und gestaltete Schallplattenhüllen und CD- Covers.
Letztendlich beschäftigt
sich der Künstler vor allem mit
hyperrealistischen Gemälden, sowie Installationen im öffentlichen
Raum.
Für Gottfried Helnwein ist jedoch immer der Bildinhalt wichtiger als
die zahlreich angewandten
Techniken. Dies unterscheidet den Künstler wesentlich von den traditionellen
Fotorealisten, da die
Aussage im Mittelpunkt des Werks steht. Dabei ist die Botschaft Helnweins
rein geistiger, also
immaterieller Natur und kann sich nur durch das Werk selbst vermitteln. Wesentlich
ist jedoch,
dass der Betrachter bereit ist, sich damit auch auseinanderzusetzen d.h. jene
Botschaft zu empfangen. Man muss nur vor das Bild treten und schauen - das
ist alles. Ob und was dadurch im Betrachter ausgelöst wird, liegt außerhalb
des Einflussbereiches des Künstlers.
Das Thema seiner Werke ist, das absurdeste Phänomen des Universums -
der Mensch - und der
Versuch jenes Wesen zu verstehen. Dazu will er den Menschen in all seinen
Facetten, mit seinen Ängsten, Albträumen, Visionen darstellen, unter
dem Credo: Kunst darf alles!
Auffällig in Helnweins Bilder ist, dass nie der Akt der Gewalt selbst sichtbar ist, sondern stets das Ergebnis und seine Opfer. Die meisten Opfer darunter sind traurigerweise Kinder, verletzte, von
53
----------------------------------------
Gabel und sonstigen chirurgischen Instrumenten durchbohrte, blutverschmierte,
wehrlose Kinder.
Helnweins komplettes Unverständnis, wie man Kinder sowie Tieren nichts
anderes als Liebe und
Bewunderung entgegenbringen kann, spiegelt sich in diesen Motiven wieder.
Jenes Unverständnis
war auch der Grund weshalb er zu malen begonnen hatte, um den Ungerechtigkeiten
auf Erden
entgegen zuwirken und sie für den Betrachter sichtbar zu machen. Gottfried
Helnwein ist und sieht
sich auch selbst als Chronist der Zeit um uns Menschen an unsere jüngste
Vergangenheit zu erinnern, zu zwingen sich mit den Problemen der Gesellschaft
auseinander zu setzen. Die Helden seiner Bilder sind dennoch die Kinder, als
Metapher für eine potentielle,
vorhandene Unschuld und im
Innersten des Menschen vorhandene Unverletzlichkeit und Unbesiegbarkeit.
Die Frage, warum jemand fotorealistisch malt, obwohl es die Fotografie gibt,
ist meiner Meinung
nach nicht mit einer allgemein gültigen These zu beantworten.
Ansicht und die Motivation variieren selbst von Künstler zu Künstler.
Richard Estes z. Bsp. glaubt,
die Fotografie sei in Sachen Realismus nicht das letzte Wort und dies ist
möglicherweise
der
Grund, weshalb er lieber malt. Davon unterscheidet sich maßgeblich
die Meinung des ersten Fotorealisten Malcom Morley, für den einfach nur
die Faszination an der Technik im Mittelpunkt steht
und er deshalb diese Malweise bevorzugt.
Ich bin der Meinung, die angewandte Technik sollte im Bereich der Kunst keinen
besonders großen
Stellenwert einnehmen. Sie sollte lediglich ein Medium sein mit dem ein Künstler
seinen Gedanken, Gefühlen und der Botschaft, welche er vermitteln möchte,
Ausdruck verleihen kann.
In meinen Augen ist fotorealistisches Malen folglich keine Nachahmung der
Realität
sondern die
künstlerische Interpretation von Realismus im Allgemeinen, sollte es
zumindest sein.
Gottfried Helnwein arbeitet mit dem Credo: „Kunst
darf alles!“ und
ich finde das sollte man auf
alle Kunstbereiche anwenden. Die künstlerische Freiheit ist ein Geschenk
und wie jemand seine
Gedanken äußert, sprich welches Medium oder welche Technik ein Künstler
benutzt, soll Ausdruck
individueller künstlerische Interpretation sein.
54
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Literaturverzeichnis:
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www.helnwein.org/werke/photo/group4/article3016.html
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HELNWEIN, Gottfried: HELNWEIN. Wien: Frölich & Kaufmann, 1982
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SCHURIAN, Walter: Phantastischer Realismus. Köln: TASCHEN GmbH, 2004
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Abbildungsnachweis:
Abbildung 1 Hanson, Abortion, 1965
aus: Buchsteiner; Letze, 2001, S.15
Abbildung 2 Helnwein, Lebebsunwertes Leben, 1979
aus: Offizielle hompage: http://www.helnwein.com/werke/watercolors/tafel_1.html
Abbildung 3 Helnwein, Selbstportrait 29, 1991
aus: Offizielle hompage http://www.helnwein.com/werke/selbstportraits/bild_476.html
Abbildung 4 Munch, Der Schrei,1893
aus: Hompage: http://www.edvardmunch.info/munch-paintings/munch-paintings/The-
Scream-1893-2.asp
Abbildung 5 Messerschmidt, The Yawner
aus: http://imagecache2.allposters.com/images/pic/SSPOD/SuperStock_1158-
2220~The-Yawner-Posters.jpg
Abbildung 6 Helnwein,Selbstportrait, 1987
aus: Offizielle hompage: http://www.helnwein.com/werke/selbstportraits/bild_468.htm
Abbildung 7 Helnwein, Das Grubenunglück, 1977
aus: Offizielle hompage: http://www.helnwein.com/werke/papier/tafel_2.html
Abbildung 8 Helnwein, Zwei amerikanische Ärzte behelligen einen Patienten,
1977
aus: Offizielle hompage: http://www.helnwein.com/werke/papier/bild_916.html
Abbildung 9 Helnwein, Mann ohne Gesicht, 1985
aus: Offizielle hompage: http://www.helnwein.com/werke/papier/bild_1027.html
Abbildung 10 Goya, Los Caprichos, 1799
aus: http://images.google.at//upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/a3/Goya_-
_Caprichos_(70).jpg
Abbildung 11 Helnwein, Los Caprichos, 2006
aus: Offizielle hompage: http://www.helnwein.com/werke/leinwand/bild_2503.html
Abbildung 12 Helnwein, Gemeines Kind, 1970
aus: Offizielle hompage: http://www.helnwein.com/werke/watercolors/bild_2111.html
Abbildung 13 Helnwein, Sonntagskind, 1972 aus: Offizielle hompage: http://www.helnwein.com/werke/watercolors/bild_39.html
57
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Abbildung 14 Helnwein, Andy Warhol, 1983
aus: Offizielle hompage: http://www.helnwein.com/werke/photo/bild_983.html
Abbildung 15 Helnwein, Arno Breker holding a Picture of Joseph Beuys, 1988
aus: Offizielle hompage: http://www.helnwein.com/werke/photo/bild_103.html
Abbildung 16 Richter, 48 Portraits, 1971
aus: Hompage: http://www.gerhard-richter.com/art/atlas/atlas.php?11612&lang=de%20-%209k
Abbildung 17 Helnwein, 48 Portraits, 1992
aus: Offizielle hompage: http://www.helnwein.com/werke/leinwand/bild_689.html
Abbildung 18 Helnwein, Der Rosenkavalier by Richard Strauss, 2005
aus: Offizielle hompage: http://www.helnwein.com/werke/theater/bild_1966.html
Abbildung 19 Helnwein, Selektion, 1988
aus: Offizielle hompage: http://www.helnwein.com/werke/aktionen/bild_531.html
Abbildung 20 Helnwein, White Christmas, 1992
aus: Hompage: http://www.helnwein-museum.com/article510.html
Abbildung 21 Helnwein, Das stille Leuchten der Avantgarde, 1986
aus: Hompage:
http://www.gottfried- helnwein.at/country/austria_special/artikel_1547.html
58
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Anhang:
Chuck Close: (* 1940 in Monroe)
Ende der sechziger Jahre begann Close seine großformartigen Portraits
mit Hilfe der Fotografie
und meist mit Acrylfarben zu malen. Objektivität war das Ziel des Malers,
der stark vergrößerte
Projektionen im Rasterverfahren auf eine Leinwand übertrug. Dabei bildete
er entweder bekannte
Gesichter oder sich selbst detailgetreu ab. Es ist faszinierend, wie unheimlich
präzise Close dabei
vorgeht. Er selbst jedoch ist fasziniert von der Unvoreingenommenheit dieser
Verfahrensweise.
„Der Fotoapparat ist objektiv. Wenn er ein Gesicht erfasst, macht er
keinen hierarchischen
Unterschied zwischen Nase und Wange. Der Apparat weiß nicht, was er
betrachte, er zeichnet
alles auf. Ich möchte mich mit diesem Schwarzweißbild auseinandersetzen,
da zweidimensional
und voller Oberflächendetails ist.“140
Betrachtet man seine Bilder lediglich als Wiedergabe der Realität, sind
sie uninteressant. Man muss
allerdings hinter die Fassade blicken und sie nicht bloß als eine konsequente
naturalistische Wie-
dergabe der Realität betrachten, sondern als eine analytische Methode,
als Kommentar zum foto-
grafischen Blick. Close beschreibt sein Verfahren selbst als den Versuch,
seine Ideen durch die
Kamera zu filtern. Dabei interessiert ihn die Künstlichkeit im Gegensatz
zur Illusion. Besonders
interessant ist die Tatsache, dass Close für die verschiedenen Bildpartien
unterschiedliche Fotos
verwendet. Zu seiner analytischen Vorgehensweise kommt nun also auch noch
ein synthetisches
Verfahren hinzu, das mit den verschiedenen Brennpunkten arbeitet und sie
zusammenführt.
Aus
dieser Konzentration auf verschiedenen Brennpunkte entwickelte sich auch
eine eigene Bezeich-
nung für diese Vorgehensweise: Sharp- Focus Realism.141
Richard Estes: (*1936 Kewanee)
„Ich glaube nicht, dass die Fotografie in Sachen Realismus das letzte Wort
hat“142
sagt der Künstler, der sich selbst als realistischen Maler bezeichnete.
Neben Chuck Close und
Audrey Flack gilt er als einer der führenden Fotorealisten der frühen
Jahren.
1967 fand er sein eigenes Thema und widmet sich seither konkurrenzlos der
Umsetzung urbaner
Landschaften des 20. Jahrhunderts. Seine Großstadtaufnahmen sind meist
menschenleer, da er der
Meinung ist, sie würden die angestrebte Präzision stören.
Estes verzichtet auf narrative Elemente
und widmet sich ganz der Faszination der verschiedenen Spiegelwirkungen.
Die Fotografie dient
!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
(%,
Chuck Close in: Stremmel, Kerstin: Realismus. Köln 2004, S. 40!
141
Vgl.: Ebd. S.40
(%#
!Richard Estes in/!Stremmel, Kerstin: Realismus. Köln 2004, S. 47
59
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ihm hierbei als Erinnerungshilfe, dem Künstler ist es jedoch wichtig, dass
alles auf seinen präzisen,
hypergenauen Bildern gleich deutlich erkennbar ist.143
„Ich mag es nicht, wenn manche Dinge fokussiert sind und andere nicht,
weil man dann ge-
zwungen ist wird, auf bestimmte Sachen zu achten – ich versuche, das zu
vermeiden. Ich möch-
te, dass ihr euch alles anseht. Alles ist gleich wichtig."144
Diese gleichmäßige Präzision entwickelte sich zum fotorealistischen
Pendant zur All- over- Struk-
tur der abstrakten Malerei. Es sollte einem Protest gegen die Hierachie des
vom Künstler diktierten
Blicks gleichen. Man wollte dem Betrachter die Möglichkeit geben, sich
selbst auf ein individuell
wahrgenommenes Detail zu fokussieren. Dennoch bedeutet das nicht, dass er
keine Änderungen
am
Bild vornimmt.
Im Gegenteil, seine Bilder, die zumeist Schaufenster oder andere, sich spiegelnde
und reflektieren-
de Elemente beinhalten, stellen die Gegenstände, die nun in jenen wiedergegeben
werden, ebenso
präzise und genau dar wie beispielsweise das Schaufenster. In Wirklichkeit
jedoch, müssten diese
Gegenstände aber unscharf sein. Sein Ziel ist also nicht die realistische
Wiedergabe von etwas
Vorhandenen, sondern die Schaffung einer „idealen Realität“,
die mehr mit der Wirklichkeit zu tun
haben soll, als die naturgetreue Darstellung des Geschehens. Somit schafft
Estes ein verwirrendes
Spiel aus Illusion und Realität.145
!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
(%$
!Vgl.: Stremmel, Kerstin: Realismus. Köln 2004, S.47
144
Richard Estes in: Stremmel, Kerstin: Realismus. Köln 2004, S. 47
145
Vgl.:Stremmel, Kerstin: Realismus. Köln 2004, S.47
60
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Werdegang Gottfried Helnwein:
(Ausgewählte Biographie)
1948 geboren in Wien, Favoriten
1965 – 1969 Studium an der Höheren Graphischen Lehr- und Ver-
suchsanstalt
1966 Beginn der Arbeit mit Aktionen, erste Bandagierungsaktionen
1969 - 1973 Studium der Malerei an der Akademie der Bildenden Künste,
Wien.
Beginn der Arbeit an einer Serie von hyperrealistischen Gemälden verwundeter
und gequälter Kin-
der. Intensive Beschäftigung mit Formen der Trivialkunst wie Comic,
Werbung und Film; Umset-
zung dieser Erfahrung in seiner Arbeit
Aquarelle wie: Unkeusches Kind; Peinlich; Gemeines Kind
Erste Ölgemälde: Mutter, du hier?; Führer, wir danken Dir!
1970 Erhielt er den Meisterschulpreis.
Erste fotografische Selbstbildnisse mit Bandagen und chirurgischen Instrumenten;
Fotoaktion mit Kindern
Erste Einzelausstellung Nachtgallerie im Atrium, Wien.
Aktion Die Akademie brennt;
1971 Kardinal- König- Preis
Beginn der ersten Aktionen in der Öffentlichkeit in Wien – auf der
Straße, in Kaffehäusern,
In einer Ausstellung im Künstlerhaus Wien kleben Unbekannte Aufkleber mit
der Aufschrift „Ent-
artete Kunst“ auf den Bildern Helnweins.
In der Galerie D in Mödling bei Wien lässt der Bürgermeister bei
der Eröffnung der Ausstellung
Bilder von Helnwein durch Polizisten beschlagnahmen.
1972 Aktion Blut für Helnwein in der Galerie in der Dommayergasse, Wien
Ausstellung in der Galerie des Pressehauses Wien, wird nach drei Tagen, wegen
Protesten und
Streikdrohungen des Betriebsrates abgebrochen.
Arbeiten an einer Serie von Feder- , Buntstift- und Bleistiftzeichnungen:
Freud und Leid; Das kräht er vor Vergnügen, der kleine Mann; Das
Patengeschenk
1973 Erste Radierungsauflage Meine Buben haben einen Türken in die Schlucht
gestoßen
Weitere Federzeichnungen und Aktionen mit Kindern
Erstes Cover für das Polit- und Kulturmagazin Profil ( „Selbstmord
in Österreich“), auf dem ein
kleines Mädchen mit aufgeschnittenen Pulsadern zu sehen ist. Daraufhin
heftige Reaktionen der
Öffentlichkeit, viele Leser kündigen ihre Abonnements.
1974 Theodor- Körner- Preis.
Aktion Weiße Kinder mit 15 bandagierten Kindern in der Fußgängerzone
Kärntnerstraße in Wien
1975 Arbeit an einer Reihe von Federzeichnungen zum Thema Korrekturen
Metallrippe zum Lächeln; Korrekturspange; Hilfe für Mann ohne Kinn;
etc.
1976 Aktion Allzeit bereit, Naschmarkt Wien
1977 Studienaufhalt für sieben Monate in den USA. Intensive Auseinandersetzung
mit den Werken
Kandinskys und Walt Disneys
61
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1979 Einzelausstellung mit Federzeichnungen in der Albertina, Wien.
Aktion zum Internationalen Jahr des Kindes: R. Höpfinger und E. Regnier
verteilen Süßigkeiten
und Spielzeuge, versehen mit Texten und Helnwein-Bildern von verwundeten
und gequälten Kin-
dern, an Passanten in Zürich
Brief an Dr. Gross, veröffentlicht mit dem Bild Lebensunwertes Leben
in der Zeitschrift Profil
Helnwein beschäftigt sich intensiv mit der Spaltung der Kunst in E-
und U-Bereiche und bezeich-
net dies als Apartheid- Situation des 20. Jahrhunderts.
1981 Beginn einer Serie von Arbeiten über Trivialhelden und Trivialmythen
Es folgen die Bilder: Der Bomber der Nation ( Hans Krankl); Peter der Große
( Peter Alexander)
und Niki Lauda
Kunstkritiker lehnen die Arbeit als totale Entgleisung ab, seine Bewunderer
bezeichnen es als „Ma-
lerei für die Ewigkeit“
Kritiker der Neuen Zeit antworten darauf: „Möge sich die Ewigkeit
gegen eine solche Zumutung
zur Wehr setzen “
Erste Begegnung und Beginn der Freundschaft mit H.C.Artmann
1982 Treffen mit Rolling Stones in London, Porträts der Bandmitglieder
entstehen
Helnweins Kennedy- Porträt erscheint als Time- Cover anlässlich des
20.Todestag des Präsidenten
1983 Einzelausstellung im Stadtmseum München. Die Ausstellung wird von
100.000 Besuchern
gesehen.
Andy Warhol sitzt Helnwein in New York Modell für einen Fotozyklus.
Erste Begegnung mit Peter Zadek
Helnwein trifft Muhammed Ali in Los Angeles, der in seinem Film mitspielt.
Sein Selbstporträt
wird in der Ausstellung „Köpfe und Gesichter“ in der Kunsthalle
Darmenstadt gezeigt
1984 Eine Selbstporträt- Collage als Beitrag zur Ausstellung „1984-
Orwell und die Gegenwart“
Helnweins Selbstporträt ist Cover des italienischen Nachrichtenmagazins
L‘ Espresso
Helnwein trifft den Walt- Disney- Zeichner Carl Barks
Beteiligung an der Grafikmappe zu den Olympischen Winterspielen Sarajewo
1984
Fotosession mit Clint Eastwood im Münchner Stadtmuseum
1985 Einzelausstellung in der Albertina, Wien – mit Texten Walter Koschatzky
und Peter Gorsen.
Umzug nach Deutschland, Helnwein lebt und arbeitet in einem Schloss in der
Nähe
von Köln
Große Veränderung in seiner Arbeitsweise; Beginn einer Serie von großformatigen,
mehrteiligen
Bildern ( Diptychen, Triptychen)
Intensive Beschäftigung mit Tabubereichen
Rudolf Hausner schlägt Helnwein als seinen Nachfolger für die Leitung
der Meisterklasse der
Malerei an der Akademie der Bildenden Künste in Wien vor
1986 Er arbeitet an einer Reihe großformatiger Selbstporträt-
Metamorphosen, die in dem Bild des
schreienden, durch Gabeln geblendeten Selbstporträts ihren Ursprung
finden
Beginn einer Reihe von großformatiger Selbstinszenierungen zu den Themen:
sterbende Helden,
SS- Mann, Märtyrer, Dulder, Kinderfreund und Mumie
Gott der Untermensch; Das stille Leuchten der Avantgarde; Bete Herr denn
wir sind nahe!; Eine
Träne auf Reisen; Der Tod des Expertentums, Partisanenliebe; Blitzkrieg
der Liebe; Geheime Eli-
te; Gefäße der Leidenschaft
1987 Wendet sich nun auch, parallel zu den großformatigen mehrteiligen
Bildern und der fotografi-
schen Arbeiten, auch der Buntstiftzeichnung zu: Knab und Neger; Triumph der
Wissenschaft¸
Nachgeburt der Venus; Das Lügengebet
Einzelausstellung im Leopold Hoesch Museum, Düren, in der Villa Stuck, München
und im Musee
d´Art Moderne, Straßburg
Installation und Ausstellungsoper Der Untermensch in der Kusthalle Bremen.
Die Monographie „Der Untermensch“, Selbstbildnisse von 1979-
1987 erscheint im Verlag Edition
Braus mit Texten von Heiner Müller und Peter Gorsen.
62
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1988 Große Installationen Selektion (Neunter November Nacht) vor dem Museum
Ludwig in Köln.
Helnwein entwarf das Plakat zu Peter Zadeks Inszenierung der „von Frank
Wedekind im Hambur-
ger Schauspielhaus, welches einen Sturm von Protesten auslöste.
Hamburgs Bürgermeister protestiert gegen das Bild und eine „Deutschsprachige
Bürgerinitiative
zum Schutz der Menschenwürde“ erstattet Strafanzeige gegen Helnwein
und Zadek wegen Porno-
grafie. Der Bürgermeister der Stadt Wien, Helmut Zilk, hingegen ist
von dem Plakat begeistert und
gratuliert Helnwein von Herzen.
Fotosession mit Michael Jackson in Deutschland.
Teilnahme an der Ausstellung „Selection 4, Polaroid- Kunst der letzten
10 Jahre“ im Victoria &
Albert Museum in London und an der „Photonika“ in Köln.
1989 Einzelausstellung „Zeichnungen und Arbeiten auf Papier“ im
Folkwang Museum in Essen.
Gemeinsame Arbeit mit dem Schriftsteller Heiner Müller, dem Choreographen
Hans Kresnik und
dem Tänzer Ismel Ivo an einem Theaterstück über Antinin Artaud
Arbeit am Bühnenbild und den Kostümen zu „Carmina Burana“ von
Carl Orff an der Bayrischen
Staatsoper (Eröffnung der Münchner Festspiele). Dem Staatsopern
Direktor Wolfgang Sawallisch
sind die Entwürfe doch etwas zu radikal, worauf er die Verträge
mit Helnwein und Regisseur Hans
Kresnik sofort kündigt.
Helnwein entwarf Bühnenbild, Kostüme und Masken für Shakespeare's‘ „Macbeth“,
eine Inszenie-
rung des choreographischen Theaters von Hans Kresnik im Stadttheater Heidlberg.
Das Stück wird
vom Publikum und Kritik gefeiert und wird später mit dem Theaterpreis
von Berlin ausgezeichnet.
Einzelausstellung „Arbeit auf Papier“ im Kunstverein Ludwigsburg.
Treffen mit William S. Burroughs in Lawrence, Kansas.
Helnwein trifft Norman Mailer in Provincetown, USA
Arbeit an einer Serie von Zeichnungen und Pastellen: Modern Sleep; Gott in
Panik; Das Wunder-
kind; Verbrannter Engel
1990 Einzelausstellung einiger Fotographien im Musee de l’Elysee, Lausanne.
In Japan erscheint bei Dai Nippon eine Monographie, die das fotografische Werk
Helnweins von
1970 bis 1989 zusammenfasst, mit Texten von Toshihiharu Ito.
Bühnenbild zu „Ödipus “ von Sophokles am choreographischen
Theater von Hans Kresnik, Hei-
delberg.
Arbeit an einem Fragment der Berliner Mauer für das Ausstellungsprojekt „30
Artists in Berlin“.
Fotosession mit Keith Richards an der Berliner Mauer.
1991 Helnwein trifft Charles Bukowski und David Bowie in Los Angeles.
Buchprojekt mit Marlene Dietreich , „Some facts about myself“ ,
zu Berlin nach dem Fall der
Mauer. Helnwein fotografiert das neue Berlin und Marlene Dietrich schreibt
den Begleittext dazu.
Installation Kindskopf in der Minoritenkirche in Krems, Niederösterreich.
Arbeit an den 48 Porträts Gegenstück zu Gerhard Richters 48 Porträts
von Männern.
1992 Fotosession mit Roy Lichtenstein in New York
Installation White Christmas im Leopold Hoesch Museum in Düren anlässlich
der vierte Internati-
onalen Biennale der Papierkunst.
Erste Einzelausstellung in der Modernism Gallery of San Francisco
Ausstellung „Aktion- Reaktion“ von Raine, Nitsch, Brus und Helnwein
in der Stiftung Fiecht in
Österreich. Einzelausstellung „Faces“ im Stadtmuseum München.
1994 Arbeitet intensiv an der Entwicklung neuer künstlerischer Techniken.
Er bearbeitet und ver-
ändert Fotos am Computer und überträgt sie dann auf eine Leinwand.
Dort entwickelt er sie weiter
indem er sie übermalt.
Installation eines 25 mal 16 Meter großen Bildes, das ein monochrom
blaues Gesicht zeigt, auf
einem Gebäude in der Wiener Innenstadt
63
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1995 Einzelausstellung „Faces“ in Housten Center for Photography.
Der Kunstsammler Peter Ludwig beauftragt Helnwein, ein Porträt von ihm
und seiner Frau Irene
für das neue Ludwig Museum im Staatlichen Russischen Kunstmuseum in
St. Petersburg zu malen.
Peter und Irene Ludwig erwerben Kindskopf für das Ludwig Museum in St.
Petersburg und Dres-
den für das Ludwig Museum in Peking.
1996 Der Künstler arbeitet an den Porträts von Peter und Irene Ludwig
für das Ludwig Museum in
Peking.
Arbeit an einer Reihe fotografischer Darstellungen von Menschen, die eines
gewaltsamen Todes
gestorben sind. Unter Verwendung von Computertechniken verändert er
die Darstellungen immer
wieder, bis sie sich aufzulösen beginnen.
Bühnenbild und Kostüme für „Padolini“ im Schauspielhaus
Hamburg unter der Regie von Hans
Kresnik.
Einzelausstellung im Kunstmuseum in Otaru, Japan.
Gruppenausstellung zu Eröffnung des Ludwig Museums in Peking.
1997 zieht Helnwein mit seiner Familie nach Irland. Er lebt und arbeitet
in einem Schloss bei Dub-
lin.
Einzelausstellung im Ludwig Museum, im Staatlichen Russischen Kunstmuseum in
St. Petersburg
Einzelausstellung im Wäinö Aalton Museum in Turku, Finnland.
Fotosession it der deutschen Musikgruppe Rammstein
Bühnenbild für „Die Hamletmaschine“ von Heiner Müller
unter der Regie von Gert Hof in Berlin
und München146
1998 Einzelausstellung in der Modernism Gallery, San Francisco
1999 Fotosession mit Chuck Close in New York
Einzelausstellung und Rauminstallation Apokalypse in der Dominikanerkirche
und im Niederöster-
reichischen Landesmuseum
2000 Einzelausstellung in der Robert Sandelson Gallery in London
Inspiriert durch die Arbeiten Helnweins kreiert der argentinische Schriftsteller
Rodrigo Malmsten
das Theaterstück „Kleines Helnwein“. Es beschäftigt
sich mit den Themen Faschismus und Gewalt
vor allem gegenüber Kindern.
2001 Bühnenbild und Kostüme für Sravinskis „Rake‘s
Progress“ an der Hamburgischen Staatsoper.
Einzelausstellung „Ephiphany“ im Butler House in Irland und Installation
in der Stadt Kilkenney
wahrend des jährlichen Kunstfestivals. Er stellte dabei monumentale
Bildtafeln an den Fassaden
von Häusern im mittelalterlichen Stadtkern auf.
2002 Helnwein etabliert sein eigenes Atelier in downtown Los Angeles
Gruppenausstellung „Augenblick- Fotokunst“ im Museum Kunst der
Gegenwart in Klosterneu-
burg, Wien.
2003 Entsteht eine Dokumentation Helnweins Installation zu Neunter November
Nacht und den
Themen Gewalt, Faschismus und Holocaust unter der Regie von Henning Lohner
und wird im
Museum of Tolerance in Los Angeles gezeigt.
In dieser Zeit arbeitet Helnwein auch mit Marilyn Manson zusammen und die Serie
The Golden
Age of Grotesque entsteht. Die Künstler arbeiten an verschiedenen Foto-,
Video- und Performance
Projekten die bei einer Ausstellung auf der Volksbühne in Berlin gezeigt
werden.
!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
146
Anmerkung: Die biographischen Daten bis zum Jahr 1997 wurden aus dem Ausstellungskatalog
Helnwein, anlässlich
einer Retrospektive im Ludwig Museum in Moskau, entnommen. Siehe S. 414- 417
64
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2004 Einzelausstellung „The Child- Works by Gottfried Helnwein“ im
Fine Arts Museum in San
Francisco. Wird von 127.000 Besuchern besichtigt und der Kritiker des San
Francisco Chronicle
wählt The Child zur besten Ausstellung eines zeitgenössischen Künstlers
im Jahr 2004. Teilnahme
an der Gruppenausstellung Donald Duck im Cobra Museum of Modern Art in Amsterdam.
2005 Einzelausstellung „Beautiful Children“ in der Galerie Ludwig
Schloss Oberhausen und im
Wilhelm- Busch Museum in Hannover
Zusammenarbeit mit Maximilian Schell an der Oper „Der Rosenkavalier“ von
Richard Strauss für
die Los Angeles Opera.
Erneute Zusammenarbeit mit Marilyn Manson an dem Film-Projekt Phantasmagoria-
The Vision of
Lewis Carroll
2006 Einzelausstellung „Face it“ im Kunstmuseum Lentos147
2007 Einzelausstellung in der Modernism Gallery San Francisco „The Disaster
of War“ „Angels
Sleeping” Ausstellung in der Waterford Greyfriars Municipial Art Gallery
Gruppenausstellung im Fine Arts Museums of San Francisco „Rembrandt
to Thiebaud a decade of
collecting works on paper; Gestaltung der Retrospektive im Karikaturmuseum
in Krems „DO-
NALD DUCK ...UND DIE ENTE IST MENSCH GEWORDEN - Das Zeichnerische und poetische
Werk von Carl Barks.“
2008 Beteiligung an der Ausstellung „Kunst nach 1970. Österreichische
Kunst aus der Albertina“
Installation in City of Waterford, Irland „The last Child“
Einzelausstellung „I walk alone“ in der Natalie and James Thompson
Art Gallery
Einzelausstellung in der Galerie Rudolfinum, in Prag „Angels Sleeping“
Gottfried Helnwein arbeitet erneut mit dem Regisseur Johann Kresnik an der
Oper " Der
Ring der
Nibelungen Teil 2- Siegfried / Die Götterdämmerung" am Opernhaus
Bonn und gestaltet das Büh-
nenbild und die Kostüme.
!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
147
Anmerkung: Die biographischen Daten von 1998 bis zum Jahr 2006 wurden aus
dem Ausstellungskatalog Face it,
anlässlich einer Retrospektive im Lentos Museum in Linz, entnommen.
Siehe S. 218
65
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E-Mail Gottfried Helnwein
Liebe Susi Wiesenegger,
Vielen Dank für Ihr Schreiben,
Ich freue mich, dass Sie meine Ausstellung in Prag sehen konnten und dass
sie Ihnen gefallen hat.
Gerne will ich Ihre Fragen für Ihre Fachbereichsarbeit beantworten.
Wenn Sie Ihre Arbeit abgeschlossen haben, würde ich mich freuen, wenn
Sie sie mir schicken
würden, ich bin interessiert, was dabei herausgekommen ist.
Nun zu Ihren Fragen:
1.) Die Medien verbreiteten oft ein sehr kritisches Bild von Ihnen: "Helnwein
im Konflikt zwischen
Kommerz und Kunst"; "Helnwein der Psycho-Sado Wiener";
"der Käufliche",... Ihre Kunst ist nicht leicht anzunehmen,
das sagen Sie selbst,
aber sind Ihnen diese Kritiken nicht manchmal zu Herzen gegangen, war es
für
sie schwer damit
umzugehen oder waren sie eine neue Quelle der Motivation?
Derartige Kritiken gab es vor allem Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre.
Ausgelöst
wurden sie
durch provokative Aussprüche und Aktionen von mir,
die sich gegen den Kunstbetrieb richteten und wegen verschiedener Verbalattacken
gegen sog.
Kunstexperten und Kritiker.
Ich war so etwas wie ein Enfant Terrible, ein Ärgernis für die
Kunst-Spiessegesellschaft und ich
habe wirklich gegen so ziemlich alle Regeln verstossen.
Kein Wunder, dass sie mich nicht ausstehen konnten.
Inzwischen hat sich meine Arbeitsweise verändert und weiterentwickelt
und ich arbeite in den letz-
ten 20 Jahren vor allem im angelsächsischen Raum
und da ist die Rezeption und der Zugang zu meinem Werk ein ganz anderer.
Aber auch in Österreich scheint sich seit der Lentos-Ausstellung die
Einstellung der Medien in
Bezug auf meine Arbeit geändert zu haben.
(siehe:) http://www.helnwein.com/presse/selected_articles/artikel_1920.html
http://www.helnwein.com/news/update/artikel_3599.html
http://www.helnwein.com/news/update/artikel_3407.html
http://www.helnwein.com/news/update/artikel_2747.html
Grundsätzlich sollte die Kritik für die Arbeit und die Entscheidungen
eines Künstlers keine Bedeu-
tung haben.
2.) Sie hegen eine besondere Vorliebe für vage Bildtitel, meinte einst
Peter Gorsen, mit dem Anlie-
gen eine aktive Beteiligung des Betrachters zu provozieren und individuelle
Zugänge
zu schaffen.
Aber was ist die Botschaft, in Ihren Augen, die Sie mit Ihrer Kunst weitergeben
möchten?
Die Botschaft ist rein geistiger also immaterieller Natur und kann sich nur
durch das Werk selbst
vermitteln. Sofern jemand bereit ist, sich damit auseinanderzusetzen
d.h. zu empfangen. Man muss nur vor das Bild treten und schauen - das ist alles.
Ob und was dann im Betrachter ausgelöst wird, ist ausserhalb meines
Einflussbereiches. Es ist so
wie Marcel Duchamp gesagt hat: 'Die Kunst ist ein 2-poliges Produkt.
50% davon ist der Künstler und 50% der Betrachter, wobei letzterer genau
so wichtig ist wie der
Erste, und was zwischen diesen beiden Polen entsteht, ist so etwas wie Elektrizität'.
Dies ist die beste Definition von Kunst, die ich bisher gehört habe.
66
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Jeder Erklärungs- oder Interpretationsversuch durch den Künstler oder
irgendeinen "Experten",
der sich als Vormund aufspielen will, kann diesen Prozess nur stören
und ist daher kontraproduktiv.
3.)Meiner Meinung nach sind Sie ein unheimlich begabter Künstler und
arbeiten mit so vielen ver-
schiedenen Techniken und in so vielen Bereichen.
Dabei stellt sich mir dennoch die Frage warum malt jemand, Ihrer Meinung
nach, fotorealistisch
obwohl es die Fotographie gibt?
Ich habe nie verstanden, warum der Technik in der Kunst so viel Bedeutung zugemessen
wird. Im
Laufe der Jahre habe ich, wie Sie richtig bemerken,
die unterschiedlichsten Techniken benützt und kombiniert, einfach um
herauszufinden, welches
Medium und welche Methode für eine bestimmte Bildidee am geeignetsten
ist.
Ich bevorzuge keine von ihnen und meine Entscheidungen sind in der Regel
spontan und intuitiv.
Mich interessiert in einem Kunstwerk nur die Intensität und die Wirkung.
Welche Technik der
Künstler eingesetzt hat, um sie zustande zu bringen,
ist mir eigentlich relativ egal.
Ich hoffe, meine Antworten sind hilfreich für Sie
und ich wünsche Ihnen Erfolg für Ihr Projekt und die Matura.
Ganz herzliche Grüsse,
Gottfried Helnwein
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